Warten – oder: Die Liebe sucht nicht das Ihre!

Warten im Büro des Chefs

Anucita, Abadu, Du und ich warten auf den Chef der Badpress-News. Auf den 1. Redakteur der UN`s.

Und der lässt uns warten – eigentlich ungehörig.

Liebe sucht nicht das Ihre

 

Müde, verwirrt und erschöpft von den Ereignissen der letzten Tage warten wir. Stundenlang. Ich habe längst jegliches Zeitgefühl verloren. Nach den ersten zwei Stunden hat sich in mir noch so etwas wie Widerstand geregt, jetzt ergebe ich mich der Situation, an der ich nichts ändern kann. Wir sitzen hier fest.

Zu oft schickt das Leben uns Situationen, in denen uns nichts anderes übrig bleibt, als zu warten. Zumal Wartesekunden doppelt so lang erscheinen.

Warten!

Warten in der Warteschleife am Telefon, an der Kasse beim Einkauf, am Postschalter, auf der Autobahn im Stau, auf besseres Wetter, auf den Aufruf im Wartezimmer, auf medizinische Ergebnisse, auf den verspäteten Zug, auf das Glück, auf die ganz große Liebe, auf den richtigen Moment, auf Regen, auf den Lottogewinn, auf die perfekte Welle, auf das Paket, auf die Rente, auf den Prinzen, auf Heilung, auf eine Entschuldigung, auf die Beförderung, auf …“ 

Meine Gedanken gehen auf Reisen, um die Wartezeit abzukürzen.

Warten kann zermürben, frustrieren und Hoffnungen töten, wenn man sich nicht mit der unumstößlichen Wahrheit versöhnt hat, dass Warten zum Leben gehört, kann Warten sogar krank machen.

Ich kenne mich mit Warten aus. An einem bestimmten Punkt im Warteprozess angekommen, sitzt man einfach nur noch da. 

Nachdem die Ärger-Wut-Empörung-Rache-Beschwerdephase vorbei ist, ergibt man sich.

Wenn es gut läuft und man Profi-Warterin geworden ist, nutzt man die geschenkte Zeit mit sinn-stiftenden Gedanken oder macht sich Notizen für die nächsten Weihnachtsgeschenke. Wartezeiten sind unumgänglich, nur der Umgang mit ihnen ist unterschiedlich, je nach Erfahrungsgrad.

Man kann sich jede Wartezeit zu eigen machen, mit etwas Übung in Gelassenheit und Annahme, dass jede Situation irgendwann einen Sinn ergibt. Sonst kann warten sehr anstrengend werden.

So kann es durchaus amüsant sein, im Wartezimmer eines Arztes die neusten Nachrichten der Königsfamilien zu lesen. 

Wenn man nicht gerade sehr krank ist und in der körperlichen Lage dazu. 

 

Warten kann verstörend wirken!

Vor ein paar Jahren habe ich mit einer Lebensmittelvergiftung und Austrocknungserscheinungen inklusive Herzrhythmusstörungen 4 Stunden in einem Wartezimmer gesessen, beziehungsweise in einem Stuhl gehangen. Jedes Mal, wenn die Tür aufging, hat eine Arzthelferin jemand mit anderem Namen aufgerufen, mich direkt angesehen und die Tür wieder geschlossen. Ich bin mehrere Male zur Toilette getaumelt und habe mich übergeben. 

Ohne Termin muss man warten, das ist klar. Die Arzthelferinnen haben ihre Anweisungen vom Chef. Das ist auch klar. 

Dass ich vielleicht in einem anderen Raum liegend hätte warten können, war gar nicht klar. Vieles blieb in dieser Wartezeit unklar.

Als ausgebildete Arzthelferin habe ich viel Verständnis für die Arbeitsweise in Hausarztpraxen. Auch für strikte Anweisungen von Arbeitgebern. Was mich an diesem Nachmittag jedoch völlig verstört zurück liess, war das eiskalte Verhalten meiner Mit-Patienten, die mich in meiner misslichen Lage gesehen haben. Keiner hat gefragt, wie es mir geht, ob man mich vielleicht vergessen hat oder ob ich vor möchte. Keiner von über 20 Leutchen, denen es zumindest augenscheinlich erheblich besser ging als mir. Das hat mich damals extrem verwundert, aber da ich so schwach war und mit jeder Warteminute immer tiefer in den unbequemen Stuhl sank, ist mir irgendwann die Kraft ausgegangen, in der Hoffnung, falls ich ohnmächtig werden würde, am richtigen Platz zu sein.

Es ist gut ausgegangen.

Die Putzfrau hatte schon das Wartezimmer gewischt und die Mülleimer geleert, als ich aufgerufen und in einen kleinen Raum mit EKG-Gerät und Klappliege geführt wurde. Ich taumelte der Arzthelferin, die schon umgezogen war, hinterher. War klar, dass sie gerne Feierabend machen wollte. 

Der Arzt schaute kurz um die Ecke, hat mir fix eine Infusion gelegt, irgendwas von Exsikkose und Rechtsschenkel des Herzens gebrabbelt, das EKG ausgedruckt mit dem Hinweis, sollte es am nächsten morgen nicht deutlich besser sein, ins Krankenhaus zu fahren. Rezept mit Tropfen gegen Übelkeit liegt auf dem Tresen in der Anmeldung.

Die Infusion lief sehr schnell, fand ich.

Die Arzthelferin hat dann gefragt, ob ich die Infusion selber abstöpseln könnte, die Putzfrau sei ja noch da, aber sie müsste jetzt wirklich nach Hause, der Chef sei auch endlich unterwegs zu einem wichtigen Termin seines Sportvereins. Sie hätten einer Hammertag gehabt. Die armen. 

Ich brauchte nicht sehr lange auf das Ende der Infusion warten und mit wackeligen Knien, einem Rezept in meinen zitternden Händen stand ich dann wie in Trance plötzlich vor der Praxis. Tür zu.

Es ist gut ausgegangen.

Ich habe mich zuhause erholt und bin vorsichtiger mit einigen Kaltspeisen geworden. Außerdem frage ich seit jenem denkwürdigen Nachmittag im September immer, ob ich noch spazieren gehen soll, um später zu erscheinen oder ob man mir einen alternativen Behandlungs-Vorschlag machen kann.

Als Patient habe ich die unglaublichsten Dinge erleben dürfen.

Die Warte- und Spassgeschichten aus der chirurgischen Ambulanz hebe ich mir für später auf.

Es ist gut ausgegangen.

Warten kann Entscheidungen festigen!

Zwei Wochen später habe ich eine große Schachtel Pralinen gekauft, bin in die Praxis gefahren, um mich zu bedanken und gleichzeitig zu verabschieden. Hinter dem Tresen sagte man „Danke“, gab mir die Befunde der letzten fünf Jahre in die Hand und wünschte mir alles Gute.

Warten kann hilfreich sein, eine Entscheidung zu festigen. 

Als chronisch kranker Patient kann man für eine Hausarztpraxis ein Kostenfaktor sein, das ist klar. 

Als chronisch kranker Mensch ist man jedoch auf Menschlichkeit angewiesen, auch wenn der Arzt fachlich gut ist.

Menschlichkeit.

Auf die Rückkehr dieser Tugend warte ich. Sehnsüchtig.

Hilfe, an was man so alles denkt beim Warten!

Das kleine Wörtchen WANN bindet uns hier zu Lebzeiten an Raum und Zeit. Merkwürdigerweise haben nur wir Menschen Zeit und Uhren oder hast Du schon mal einen ungeduldigen motzenden Rosenbusch gesehen, der endlich blühen und duften und verwelken will? Ich nicht. Die Idee von Zeit ist zutiefst menschlich.

Auf was wartest Du?

Was sind Deine Wartestrategien?

Womit verbringst Du Deine Wartezeiten?

Wie würde Dein Essay mit dem Anfangssatz:

„Als ich mal sehr lange auf etwas warten durfte …“ aussehen?

Warten kann zusammenschweißen !

Wir beide warten immer noch im Redaktionsraum der UN. Der Kaffee ist längst kalt und erbittert. Die Kekse sind verputzt.

Wir sind wirklich müde, nicht nur körperlich.

Anucita und Abadu haben uns vor Stunden verlassen, nachdem sie zuerst so aufgeregt und enthusiastisch mit uns mit gewartet hatten.

So ein Treffen mit ihrem Chef sei etwas ganz besonderes. Unsere Story sei unfassbar spannend und verspräche die Schlagzeile des Jahres, wenn nicht des Jahrzehntes zu werden.

Mein Lieber, meine Liebe, es nützt nichts.

Wir werden hier warten, bis etwas sich bewegt.

Dann werden wir erfahren, was das bedeutet:

Liebe sucht nicht das Ihre!

Danke fürs Zuhören, Du lieber Mensch. Auch wenn ich gesehen habe, dass Dir zwischenzeitlich die Augen zugefallen sind. Das macht gar nichts. Allerdings sollten wir uns mal dringend auf die Suche nach etwas Trinkbaren machen. Wasser trinken ist sehr wichtig für den Erhalt des Herz-Kreislauf-Systems. Nicht, dass wir später noch in irgend einem Wartezimmer landen, weil wir nicht genug getrunken haben.

Ist klar, oder?

Solltest Du auch hin und wieder ein Patient oder eine Patientin sein, möchte ich Dir nicht vorenthalten, dass das Wort PATIENS aus dem Lateinischen kommt und soviel bedeutet wie:

geduldig  aushaltend  ertragend  leidend 

Erinnerst Du Dich was über die Liebe geschrieben wurde?

Die Liebe ist langmütig und freundlich. Die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre …

Die Bibel, 1.Korinther 13,4-7 ff.

Bis bald

Herzliche Grüße
aus der Wartezone
von

Gerda

PS: Manchmal hilft es einem wartenden Menschen nur ihm Gesellschaft dabei zu leisten, damit die Zeit schneller vergeht.

Da, wir hören Schritte, die Tür geht auf und ohne ein Hallo geht ein schmächtiger junger Mann eilends an uns vorbei, setzt sich hinter seinen Schreibtisch und spricht mit orientalisch klingendem Akzent:

„Guten Abend, mein Name ist Me `Anani, ich bin hier der Chefredakteur, meine Zeit ist knapp, also, was haben sie so Wichtiges zu berichten, das meine Gegenwart verlangt?

Verschwenden Sie nicht meine Zeit, Zeit ist Geld. Ich hoffe für Sie, dass ihre Geschichte mich umhaut, gruselt und dass sie unserer Zeitung die nötige Ehre erweist. Langweilen Sie mich bloss nicht. Ich bin hier der Chef. Ich habe schon alles an menschlichem Grauen veröffentlicht, ans Licht gebracht. Das ist unser Job hier und ich bin der Kopf, das Zentrum, der Mittelpunkt meiner Zeitung, Nichts geht hier ohne mein Einverständnis, ich habe den Überblick, die Kontrolle, ohne mich läuft hier gar nichts. Ich bin der Chef.“

Wir sind sprachlos. Auf diesen „Chef“ haben wir gewartet?

Ob es zu einem Gespräch kommen wird, wir hier jemals rauskommen werden, was es mit unseren Armbändern auf sich hat und wo die beiden Redakteure inzwischen Furchtbares ermittelt haben.

Darauf und wie unsere Reise weitergeht –

Musst Du leider …

Warten! 

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