Usommelig von oben – das Treiben der Mutwilligen

Am Flugplatz:

Guten Abend, DU lieber Mensch,
ich hoffe, DU hast mittlerweile Deine wunderbare Stimme wieder entdeckt und liebevollen Gebrauch von ihr gemacht?

Tiefbewegende Stunden liegen hinter uns. Wir werden uns noch lange an Naturelle und unser Schweigen erinnern.

Empathie und Sympathie, so nah und doch so fern voneinander.

Langsam geht die Sonne unter, wir gehen nebeneinander her im Abendrot auf einem kleinen Pfad, der sich unmerklich in einen geraden Weg von roten Pflastersteinen unter unseren Wanderschuhen verwandelt hat. Da sehen wir ihn, den kleinen Inselflugplatz, direkt vor uns.

Liebe treibt nicht Mutwillen!

Guten Flug:

Naturelle hatte uns beim Abschied einen Rundflug über ein kleines Land an der Küste namens Usommelig empfohlen.

Wir betreten den kleinen, gepflegten und gut ausgeleuchteten Flugplatz. Außer uns beiden ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Als wir an das winzige Schalterhäuschen kommen, trauen wir unseren Augen nicht. Kein Mensch ist hier, dafür stehen wir nun an einem Kassenautomat. Ich mag keine Automaten, sie sind mir zu unpersönlich, ich bin oft überfordert, erst recht, wenn hinter mir schon eine ungeduldige Menschenschlange meutert. Diese ganzen Tasten und aufblinkenden kleinen Lämpchen. 

Es ist mittlerweile fast dunkel geworden. Niemand, der unsere Fragen beantworten könnte, ist in der Nähe. Wir sind allein, ganz allein in der Abenddämmerung auf dieser merkwürdigen Insel Zelos. Bei mir schleichen sich die ersten Zweifel ein, ob ich überhaupt weiter reisen will, vielleicht war das ja alles eine Schnapsidee. Ich bin erschöpft und müde. Wie lange bin ich eigentlich schon auf den Beinen? Ich brauche meinen Schlaf.

Meine Gedanken fangen an zu kreisen. Völlig verrückt, zu glauben, ich könnte dieses Abenteuer schaffen, hier steh ich nun, mitten in der Pampa von Zelos, die Sonne geht bald unter. Langsam kommt die Angst. Die Leute, die mich gewarnt hatten, haben vielleicht doch Recht gehabt, alles viel zu gefährlich und unsicher.

Mitten in diesem Gedankenkarussel fällt mir wieder ein, wie ich auf diese Insel gekommen bin. War das erst heute morgen gewesen? 

Kann es sein, dass ich eine ganze Nacht allein auf einem Boot verbracht habe um mir eine Freundin zu werden und hier zu landen? Ja, ausserdem sind wir jetzt immerhin schon zu zweit. 

DU und ich. Zusammen.

Meine Bedenken werden kleiner, die kleinen grellen Zweifelgeister verblassen. Ich fasse neuen Mut und einen klaren Gedanken: 

DU und ich werden es schaffen mit diesem Automaten fertig zu werden. Nach einigem Studieren haben wir zwei Flugtickets für einen Rundflug über Usommelig mit Landung in ilzhar hala  in den Händen. Eine andere Flugoption gab es nicht, also: war gar nicht so schwer.

Eine schwere blaue Tür öffnet sich, wir gehen durch einen kleinen Zwischenraum, in dem wir unser Gepäck auf ein Fließband legen sollen. Über der ebenso schwer anmutenden Ausgangstür sehen wir ein Leuchtschild, das im nächsten Augenblick von rot auf grün springt. Wir gehen durch die Tür und befinden uns augenblicklich auf dem Rollfeld, wo ein kleiner Senkrechtstarter für uns bereit steht. Immer noch kein Mensch in Sicht. Erst der Automat und jetzt dieses Flugzeug. Und weit und breit keine Menschenseele in Sicht.

Dieses Fluggefährt scheint nagelneu zu sein, es blitzt in den letzten Sonnenstrahlen und macht einen guten soliden Eindruck auf uns.

Die kleine Tür unterhalb des Flügels springt, wie von Geisterhand bedient, auf. Wir warten noch einen kleinen Moment vor der Maschine, als wir aus ihrem Inneren eine Stimme hören. „Herzlich Willkommen auf dem Rundflug über das Land Usommeling, dem Land, in dem alles erlaubt und alles machbar ist, dem Land ohne Moral und Ethik, dem Land ohne Erbarmen und Gnade, dem Land der Rücksichtslosen und der Mutwilligen.
Sie haben heute Abend auch einen Willen zum Mut gezeigt, indem sie sich für diesen Rundflug entschieden haben.
Bitte steigen Sie ein, nehmen Sie am Fenster platz und schnallen Sie sich an. Was Sie heute Nacht zu sehen bekommen, wird Ihr Leben für immer verändern.
Unsere Flugzeit beträgt zwei Stunden. Gegen Mitternacht werden Sie in Küstennähe sicher und wohlbehalten landen, wo Ihre Suiten im besten Hotel der Stadt ilzhar hala gebucht sind.“

Wie wundersam. Alle Zweifel sind auf einem Male verschwunden.

Wir steigen ein, wie gehört.

Liebe treibt nicht Mutwillen!

Kaum sitzen wir beide auf unseren Plätzen, setzt sich der kleine Flieger in Bewegung. Es ist definitiv kein menschlicher Pilot an Bord, alles geht vollautomatisch hier. Es wird sehr laut. Propeller drehen sich. Wir heben ab, und  – wir fliegen los.

Wir sitzen in einem unbemannten kleinen Flieger und schweben über dem Meer. Erst jetzt realisieren wir ansatzweise, was da gerade geschieht, als wir von derselben Stimme unterbrochen werden:

„Herzlich willkommen an Bord der Mirage, Sie befinden sich auf Ihrem Wunschflug  über Usommeling nach ilzhar hala.
Unter Ihrem Sitz befindet sich Ihr Notfallset und ein Getränk unserer Wahl auf Ihre Kosten. Erleben Sie die Zukunft jetzt.“

Hilfe, wie sind wir hier her gekommen? Mittlerweile sind wir über dem freien Ozean und ich frage mich, ob sich auch ein Schlauchboot unter meinem Sitz befindet. Dieser Frage in Gedanken nachhängend, erscheint unter uns Land. Felsen, Steinhänge, Klippen, meilenweit öde, steinig, hügelig, uneben. 

Bloß nicht abstürzen. Das überleben wir nicht.

Es presst uns die Sitze. Wir verlieren an Höhe. Unter uns erscheint ein riesiges Areal, eingemauert, umzogen von einer riesigen schwarzen Steinmauer. Anscheinend gibt es nur ein Tor. Das Gebiet ist riesengroß. Wir sehen Straßen in spinnennetzartigem Muster angelegt. Alles leuchtet bunt und schrill. Alles blinkt und erinnert mich an einen schillernden Jahrmarkt. Überall Menschen, wie Ameisen. 

Von dem Gesehenen erstaunt, unterbricht uns unsere Rundflugleitung: „Was sie hier unten sehen, ist  Usommeling, jeder macht hier mit jedem und allem, was er will.
Hier ist freche Ausgelassenheit, Ausschweifung, Leichtsinn und Zügellosigkeit Pflicht. Menschen, die hier her ziehen, bleiben für immer. Sie sind lustig, trotzig, überheblich, übermütig und völlig unbekümmert,  manche auch brutal und jähzornig, zerstörerisch veranlagt. Achtsamkeit und Besonnenheit sind ausdrücklich  nicht erwünscht.
Die Usommeliger haben alle ihre Bedenken und ihr Mitgefühl am Tag ihres Einzugs am Tor abgeben müssen. Sie geben sich komplett ihren Gelüsten und Ausschweifungen hin. Jede Nacht, ohne Rücksicht, dafür mit voller Absicht werden hier Seelen verstümmelt, Herzen gebrochen, Körper verletzt und Leben zerstört. Scheiben werden eingeschlagen, Autos in Brand gesetzt und Läden ausgeraubt. Alle Bürger dieses Landes nehmen es nicht nur in Kauf, sie treiben es mit Mutwillen.
Das Leben auf Usommelig, ein Mutwilliges feindliches Gegeneinander, voller Ausschweifungen ohne moralische Grenzen.
Jeden Abend bei Sonnenuntergang geht es los.
Doch sobald sie wieder aufgeht, legt sich ein Zauber des Vergessens und des Tiefschlafes über alle Menschen, bis es am Abend wieder los geht. Einmal für Usommelig entschieden, bleibst DU Dein Leben lang hier und treibst Dich mutwillig und vorsätzlich mit voller Absicht durch die grellen Straßen der Nacht. Nacht für Nacht für Nacht!“ 

Ich bin entsetzt, denn was ich sehe und höre schockiert mich ins Mark. Warum sollten wir uns dieses Elend ansehen?

Und was bringt Menschen dazu, hier leben zu wollen, das ist doch kein Leben, oder?

Liebe treibt keinen Mutwillen!

Wie geht es Dir? Was siehst DU was fühlst DU bei diesem Überblick? Kennst DU Situationen, in denen jemand mutwillig Deine Grenzen überschritten hat oder hast Du schon mutwillig ohne Rücksicht auf andere Wesen gehandelt?

Sicher, wir sind Menschen.

Der Anblick über Usommelig  bietet uns die Reinform von Mutwillen. 

Alle Bewohner sind hier aus freien Stücken. Sie haben Gebrauch von Ihrem freien Willen gemacht und leben sich hier aus. Da sie durch den Zauber des Schlafes und des Vergessens keine Möglichkeit der Umkehr und der Reue bekommen können, sind sie gefangen in ihrem selbstgewählten Mutwillen.

Liebe treibt keinen Mutwillen.

Mir ist völlig klar, dass jeder von uns hin und wieder etwas gegen den Willen eines anderen tut oder lässt. Doch im Gegensatz zu den Usommeligern haben wir eine Chance um Vergebung zu bitten, nötigenfalls zu vergeben und unser Verhalten zu ändern.

Diese Möglichkeit gibt es in diesem Land nicht, nicht mehr.

Wir haben genug gesehen. 

Die Stimme aus dem Cockpit, immer noch menschenleer, was wir fast vergessen haben, erklärt uns, dass wir uns im Landeanflug befinden.

Wir landen.

Als unser Senkrechtstarter völlig sicher und sanft auf dem Dach des Luxushotels landet, ist es gar nicht mehr unheimlich für uns, ohne Pilot befördert worden zu sein. Dort oben angekommen, wartet nicht nur ein roter Teppich auf uns, sondern ein ganzes Team von Hotelangestellten, das uns freundlich in Empfang nimmt.

Wir gehen einfach mit, ohne einen Blick zurück. Wir sind müde und überfordert. 

Ein gläserner Fahrstuhl nimmt uns mit hinunter in die 26. Etage.

Ich bekomme ganz selbstverständlich mein pinkes Hotelarmband um den rechten Unterarm gelegt. Der freundliche Butler Ralph verplombt es und versichert mir, dass dieses Armband mir den Zugang zu allen Annehmlichkeiten des Hauses eröffnen wird.

An meiner Suite mit der Nummer 2626 angekommen, öffnet sich die  Tür durch einen kleinen Sensor, dessen Empfänger an meiner rechten Hand surrt. Technik, die mich begeistert. Alles Skepsis scheint wie verflogen.

Von meinem Zimmer, dem Himmelbett, dem unglaublichen Service, den Verwöhnungszeremonien erzähle ich DIR später.

Wo bist DU überhaupt geblieben? Keine Ahnung, jetzt erstmal schlafen in diesem unfassbar weichen Himmelbett. Mit meinem Armband kann ich die Vorhänge zuziehen, die Jalousien runter fahren und …

Hammer, was für ein mega Hotel. Ich liebe es.

Schöne Träume
wünscht Dir

Deine Gerda

Morgen früh sehen wir uns doch hoffentlich beim Frühstücksbüffet,
bei Shrimps und Prosecco im Fünfsterne Resort La Grand Frimeur.

Gute Nacht.

Mein letzter völlig erschöpfter Blick fällt auf meinen Rucksack, der auf der samtbezogenen Bank vor dem Bett abgelegt wurde.  Auf dem Kofferband der Mirage-Airline lese ich noch verschwommen: 

Liebe bläht sich nicht auf.

 PS: Usommelig ist das norwegische Wort für Mutwillen 

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