UN – gehörig – schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten

Wo bin ich?

Das Letzte, an dass ich mich erinnern kann, ist das Frühstück im Resort, mein Butler Ralph, der blauen Drink, das pinke Armband an meinem rechten Unterarm. 

26 – La Frimeur- Grand Resort – Ilzhar Hala- 26

Mir ist kalt. 

Wo bin ich?

Liebe verhält sich nicht ungehörig!

Filmriss. Komplett.

Blackout

Langsam komme ich zu mir. Soviel ist klar, das hier ist nicht meine Suite. Wie bin ich hierher gekommen und wo bin ich?

Und: wo bist Du, habe ich Dich unterwegs verloren? Aua, mein Schädel brummt und ich habe Durst. Was ist passiert?
Ich versuche mich aufzurichten, mich zu orientieren. Lauter Fenster mit feinen Jalousien, zugezogen allesamt. Ein kleiner Schreibtisch, mehrere Bildschirme und viele Akten, Bücher und Zeitungen. Totales Chaos. Ein riesiges Bild hängt über dem Schreibtisch: gruselig. 

Wo bin ich?
Draußen höre ich Stimmen, diffuse Stimmen, sie sprechen alle durcheinander: englisch, französisch, norwegisch, griechisch und andere Sprachen. Telefone klingeln ohne Pause, Handys piepen und summen.
Was ist da draussen los? Ich versuche, aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen.
Es kommt jemand, die Glastür geht leise auf. Ein junger Mann betritt bedächtig den Raum, sieht mich wach und dreht sofort wieder um. Ich bin verwirrt.
Schritte, plötzlich öffnet sich die Tür erneut und herein kommen eine junge Frau, der junge Mann und – da ist noch jemand, der mir irgendwie bekannt vorkommt.

Im Zentrum der schlechten Nachrichten

Die junge Frau beginnt ohne lange zu zögern:
„Herzlich willkommen bei uns, Sie befinden sich im Hauptquartier der Blackpress-News. Wir versorgen die ganze Welt mit allen UN´s.
Minütlich, fast sekündlich treffen hier die neusten Ungehörtheiten der Menschheit ein. Sie müssen erhört und unters Volk gebracht werden. Das ist unsere Passion, unsere Leidenschaft.
Schlechte Nachrichten sind für uns gute Nachrichten, übrigens mein Name ist Anucita und das ist mein Kollege Adabu. Wir beide arbeiten für die UN als investigatives Journalistenteam und haben schon jede Menge UN ´s aufgedeckt und veröffentlicht.“

Bevor ich antworten kann, ergreift Adabu das Wort und legt mir dabei seine Hand auf die Schulter. Er hat etwas in der Hand, was aussieht, wie mein pinkes Armband. Ein flüchtiger Blick auf meinen Unterarm verrät mir jedoch, dass ich meins noch habe.
„Was ist hier los? Wie bin ich hierher gekommen? Und was wollen Sie von mir? Ich komme gerade aus dem Paradies, die Suite, das Hotel, mein Butler und wo sind meine Sachen?“ platzt es aus mir heraus.

„Gerda, beruhigen Sie sich: Ihnen ist etwas Ungehöriges geschehen und ohne die großartige und beharrliche Mithilfe Ihres Retters wären Sie jetzt immer noch in Lebensgefahr. Zu unerhört, ungeheuerlich, unglaublich, unfassbar, unangebracht, unmanierlich, unmoralisch und unsittlich wurde mit Ihnen umgegangen. Aber, vertrauen Sie mir, Sie sind bei uns in Sicherheit. Wir werden Sie sofort ausser Landes bringen, wenn Sie uns ihre unvergleichliche, unmenschliche, unbarmherzige, unsagbare und unwahrscheinliche Story erzählen.
Denken Sie nur an die vielen anderen Menschen, die noch im Grand Frimeur gefangen gehalten werden. Mit Ihren Information können wir crossmedial und global die Menschheit warnen vor den unerhörten Vorkommnissen im La Frimeur Grand Resort  Ilzhar Hala …“ entgegnet mir Anucita.

Erst jetzt kann ich durch den Spalt der halboffenen Tür ein unüberschaubar riesiges Großraumbüro erkennen. Wie Waben in einem Bienenstock sitzen Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen aller Nationen in kleinen Kabinen und telefonieren, wischen auf Handys und schreiben an ihren Laptops. Es ist laut, sehr laut. Hinten am Ende des Raumes kann ich eine große LED-Leinwand erkennen. In grünen Leuchtbuchstaben lassen sich per Laufband Namen von Radakteuren und deren Ranking erkennen. Es ist schrill, sehr schrill.

„So leid es mir tut, ich kann Ihnen nicht helfen, ich kann mich an nichts erinnern. Warum musste ich überhaupt gerettet werden? Mir ging es gut, sehr gut. Es war das beste Hotel, mein Butler, mein Armband mit den unbegrenzten Möglichkeiten.“ schluchze ich, teils aus Erschöpfung und teils aus Empörung. Was wollen diese Leute von mir? Und wer soll dieser ominöser Retter sein? Welcher Tag ist heute und wie bin ich hier her gekommen, geht es mir durch meinen brummenden Schädel.

Liebe verhält sich nicht ungehörig!

An diesem Morgen in der Hauptredaktion des Magazins UN, sagt man mir, dass man sich mir gegenüber ungehörig verhalten hat. Details erfahre ich nicht – noch nicht. Mein Gehirn hat die Erlebnisse der letzten Tage und Nächte abgespalten, auf Eis gelegt. Ich kann mich an nichts erinnern.

Ungehörige Geschichten

Anucita und Abadu sind nett, sie erzählen mir von den ungehörigen Geschichten, die aus dem Frimeur an die Öffentlichkeit gebracht werden sollen. Bisher haben sie nur ein pinkes Armband, das jemand am Strand gefunden und bei Ihnen abgegeben hat.
Das pinke Armband enthält einen Chip mit Videoaufnahmen, die ungehörig, unfassbar und unmenschliche Dinge zeigen.
Die junge Frau, die auf dem Film zu sehen ist, ist unauffindbar.
Die Polizei vor Ort kann und will nicht helfen, da es weltweit keine passende Vermisstenanzeige gibt.

Das pinke Armband vom Strand gleicht meinem eins zu eins.

26 – La Frimeur- Grand Resort – Ilzhar Hala- 26. Was hat das alles zu bedeuten? Langsam bekomme ich Angst. Aber je mehr ich mich anstrenge, desto weniger Erinnerungen wollen auftauchen. Verzweiflung!
Die beiden Journalisten wittern ihre UN-Story des Jahres, dazu brauchen sie meine Aussagen für ihre Exclusivstory.
Doch so sehr ich es auch versuche, mein Kopf bleibt leer. 

Ich soll mich jetzt etwas ausruhen, die beiden sprechen mit ihrem Chefredakteur. Ein Zeuge mit Amnesie taugt erstmal zu gar nichts. Ich hoffe, dass sie mich gehen lassen. Ich muss hier raus. Wo bin ich da hinein geraten? Das soll eine Reise durch das Land der Empathie und der Liebe sein? Können im Namen der Liebe solch hässlichen Dinge geschehen?

Freunde

Mein Kopf schmerzt immer noch. Ich lege mich zurück auf die Couch, decke mich mit der Wolldecke zu, als jemand meine Hand nimmt:
„Alles wird gut, wir müssen nur schleunigst weg von hier!“
Du bist es. Wir fallen uns um den Hals und weinen, weinen vor Erleichterung. Du flüsterst nur, dass jetzt nicht die Zeit zum Reden ist und wir in Gefahr sind. Du hilfst mir auf, wir beide suchen uns Hand in Hand einen Weg durch die unüberschaubaren Gänge dieses lauten und schrillen Ortes, an dem die Welt mit den UN´s dieser Zeit versorgt wird. Ein merkwürdiger Platz für zwei Flüchtende, die sich gerade vor vier Tagen erst kennengelernt haben. 

Ein merkwürdiger Platz für zwei Reisende, die doch schon etwas verbindet. Hand in Hand bahnen wir uns unseren Weg durch die Massen an schlechten Nachrichten.
Und an unseren Unterarmen fest verplombt das pinke Band:
26 – La Frimeur- Grand Resort – Ilzhar Hala- 26 

Wir rennen, so gut wir können.
Alle Gedankenblitze werden auf später verschoben. Nur raus hier.

Kurz bevor wir den Ausgang erreichen, werden wir von Abadu und Anucita, die deutlich besser trainiert sind als wir, aufgehalten.

Ihr Chef würde gerne mit uns sprechen, dass sei nicht die Norm. Der Chef selber bringt sich nur bei den größten und miesesten UN`s persönlich ein. Nur ein kurzes Gespräch, danach könnten wir gehen.

Du und ich wissen, wenn wir Klarheit wollen, ist das zumindest eine Chance. Vielleicht die Einzige. 

Minuten später sitzen wir  in einem großzügigem Büro mit schönen bequemen Sesseln. Auf dem runden Tisch stehen Kaffee und Tee mit Gebäck bereit. Wir warten!

Anucita und Abadu , ich und Du, wir warten auf den Chef der Badpress- News. Auf den Kopf der UN`s.

Und er lässt uns warten- eigentlich ungehörig.

Manchmal gerät ein Mensch in eine Situation, die schlichtweg von der Seele nicht zu ertragen ist. In solchen Ohnmachtssituationen leistet unser Gehirn enormes. Es spaltet dieses ungehörige unfassbare unmenschliche unglaubliche Geschehen einfach ab.

Trauma wird so etwas in der Fachsprache genannt. Viele dieser Menschen wissen ihr Leben lang, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Ungehörig, was unser Körper da tut, aber sehr effektiv, um zu überleben.

Liebe verhält sich nicht ungehörig. 

Das kann je nach Land, Kultur oder Religion völlig verschieden sein. Völlig gleich ist jedoch das Gefühl des Opfers, dem etwas Ungehöriges geschieht. Jede Menschenseele hat ihre eigene Ungehörigkeitsgrenze, die unbedingt gewahrt werden muss. 

Deine Grenze ist eine andere als meine.

Liebe verhält sich nicht ungehörig, sie bewahrt Grenzen, sie beschämt den anderen nicht, sie bringt den anderen nicht in Bedrängnis. Sie weiß, was sich gehört. 

Ob der Chef der UN weiß, was sich gehört?

Wir werden es erleben, Du und ich. 

Nur soviel vorweg:

Liebe sucht nicht das Ihre!

Danke
für die Reisebegleitung

Deine Gerda

PS I:

Wie reagierst Du auf die schlechten furchtbaren Nachrichten, die wir jeden Tag in Echtzeit frei in die Hand bekommen? Bist Du auch fixiert, auf die miserablen und fürchterlichen Vorkommnisse? Liebst Du Tratsch? Bist Du immer für die neusten Bad-News zu haben? Brauchst Du das ganze Grauen auf der Welt beim Abendbrot?

Was sind Deine Lieblings-UN´s ?

Ungerechtigkeit, Unverschämtheit, Unwahrheit, Unaufrichtigkeit …?

PSII: 

Ein Trauma zu erleiden ist furchtbar für die betroffene Person, ebenso für ihr ganzes Umfeld, ein verdrängtes Trauma kann jahrelang verschüttet bleiben. Wenn Du auch von einem Ort, einem Geräusch oder Geruch, einem Bild oder Lied so gefühlsmässig aus der Bahn geworfen wirst, dass Du eine Panikattacke oder sonstige unerklärliche Symptome zeigst (Trigger), könnte es sein, dass Du an einem Trauma leidest. Bewusst oder Unbewusst.

In beiden Fällen gibt es Hilfe durch Profis, die sich mit Traumabewältigung auskennen. Solltest Du betroffen sein, bitte ich Dich, Dir wirklich helfen zu lassen. Dein Leben ist zu kostbar.

Nun aber bleiben Glaube, Liebe Hoffnung, diese drei.
Das größte ABER unter ihnen ist die LIEBE.

(Alle Herzen wurden in EINER Hecke aufgenommen..
So fühlte ich mich. Zerrissen.)

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