Reif für die Insel Zelos?

Guten Morgen, lieber Freund! 

Wie schön, Dich hier am Strand von Zelos begrüssen zu dürfen. Ich hoffe die Nacht war freundlich zu Dir und kommst ein wenig versöhnter, gnädiger und liebevoller mit Dir hier an. Hast Du den Freund in Dir entdecken, entstauben und entwickeln können, in den letzen dunklen Stunden?
Du hast meinen vollsten Respekt dafür.
Herzlichen Glückwunsch.

Ich weiß, dass es alles andere als leicht für Dich war, doch Du bist hier. Unsere Expedition kann weiter gehen. Nur wer in den Nächten des Lebens freundlich zu sich sein kann, wer milde und gnädig bei sich angekommen ist, nur dieser Mensch hat die Fähigkeit und die Voraussetzung, die Reise durch das Land der Empathie ohne grossen Verlust zu überstehen.
Du hast Dich mit Langmut und Freundlichkeit befasst. Diese Eigenschaften sind von großer Wichtigkeit für unsere Inseltour. Nur philanthropisch-human gesinnte Wesen sind für diesen Trip geeignet.
Diese Insel sucht nach Eifernden, nach Entschlossenen, nach Tatkräftigen und Unermüdlichen.

Guten Morgen am Strand von Zelos, der Kaffee ist fertig.

Liebe ist langmütig und freundlich, Liebe eifert nicht.

Du bist gestrandet. Vielleicht nimmst Du Dir einen Becher duftenden Kaffee aus unserem Picknickkorb und vertrittst Dir erstmal die Beine nach der langen Nacht auf dem Wasser.
Festen Sandboden unter den Füssen zu haben kann heilsam sein. Möchtest Du einen kleinen Spaziergang machen, dem Sonnenaufgang entgegen? Die Nacht noch mal Revue passieren lassen?
Oder möchtest Du ein köstliches Inselsandwich aus dem Korb und Dich zu mir ans Feuer setzen? Reden? Einfach nur HIER sein und den Tag begrüßen?
Alles was Du brauchst für den Ausklang Deiner Freundschaftsnacht ist möglich. Wähle!
Dann irgendwann wirst Du Dich zu mir setzen, wenn Du möchtest tauschen wir uns aus oder wir schweigen noch ein wenig. Freundlich und langmütig sitzen wir hier, das Meer vor uns spiegelt sich in den Farben der Sonne, winzige Wellen glitzern am Horizont. Hier und da hört man die Bewohner der Lüfte den Tag begrüssen. Frieden. 

Ist das sowas wie Unendlichkeit, Ewigkeit?

Obwohl dieser Moment perfekt zu sein scheint und wir beide ihn mit allen Sinnen geniessen können, wissen wir beide, dass es Heute weiter gehen wird. Ein neues Abenteuer, eine neue Tiefe, ein neuer Reiseabschnitt liegt vor uns.
Wir gehen weiter, als Freunde. Im Deckel des Picknickkorbes befindet sich eine Karte der Insel. Unser Strandpunkt ist mit einem kleinen Herz markiert. Von hier aus geht es also weiter, die Karte ist unser Reiseführer. Gleichsam wie eine Schatzkarte breiten wir sie auf unserer Picknickdecke aus. Es wird von Minute zu Minute heller, ein euer Tag, eine neue Chance, ein neues kleines Leben, eine neue Heldenreise beginnt.

Hier und Jetzt.

Nur die Karte, kein Gepäck, kein Rucksack, keine Tasche. Die Karte und wir beide im Vertrauen, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein.
„Was wäre WENN-Fragen sind praktisch nicht stellbar auf dieser Insel“ Merkwürdig. Kein Gedanke an zukünftige Szenarien?
Ungewöhnlich freundlich.
Noch ist der Strand menschenleer, wir gehen ein Stück, das Wasser umspielt unsere Füße. Eine Wohltat. Wir gehen einfach. Bis wir einen Aufgang durch die Dünen entdecken.
Laut Karte ist unser Tagesziel am anderen Ende der Insel. Dort werden wir weitersehen. Ein Adler ist das Symbol unseres Zielortes. 

Adler fliegen, oder?

Auf unsere Tagesreise werden wir mit unserem Eifer in Berührung kommen.
Eifer ist ein sehr altes Wort. Im positiven Sinne wird es mit Zielstrebigkeit, mit Disziplin und Hartnäckigkeit in Verbindung gebracht. Jemand, der eifrig auf ein Ziel hinarbeitet, der alles gibt, der sich nicht aufhalten lässt, wird gemeinhin als eifrig bezeichnet. 

Da unsere Zielvorgabe jedoch das Verständnis darüber beinhaltet, dass wahre Liebe eben nicht eifert, geht es heute um unsere Anteile von blindem Eifer und Eifersucht. Diese Attribute haben mit Liebe nichts zu tun. Denn:

„Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht,
was Leiden schafft“

 ( Franz Grillparzer Schriftsteller)

Auf dieser zauberhaften Insel kannst Du alles über Eifersucht lernen, über DAS Thema der Menschheit von Anbeginn der Zeit. Eifersucht bietet Stoff für Bestseller, Theaterstücke, Blockbuster, Opern und Poesie.

Im echten Leben beendet sie Freundschaften, Ehen, Beziehungen, zerstört Familien, Firmen und im schlimmsten Fall sogar Inseln, Städte und Länder. So mancher Despot fing einen Krieg aus Eifersucht an. Morde, Folterungen, Ausgrenzungen, Ablehnungen, Streit und Chaos gehen auf ihr Konto.
Seit Menschen auf dieser Erde sind, gibt es sie. Und sie sucht mit Leidenschaft und grossem Eifer  nach Dir und mir.
Sie konfrontiert uns mit unserer Verlustangst, unserem vermeintlichen Besitzanspruch, unserem kaputten Selbstwert, unserer Bedürftigkeit und unseren Träumen von Kontrolle und Sicherheit.
So ist sie. Nicht selten werden Eifersüchtige zu Mördern.
In Wort und Tat.
Eifersüchtige Menschen sind nicht frei, sie sind von der Idee gefangen, dass ihnen etwas oder jemand zusteht, zur Verfügung stehen muss, wann und wo immer sie wollen. 

Liebe eifert nicht. 

Nachdem wir nun schon eine Weile am Strand gelaufen sind, unseren Füßen eine wohltuende Naturmassage gegönnt haben, fällt unser Blick auf einen Deichdurchbruch. Eine hölzerner Steg führt uns hinter den Deich auf einen fein gepflasterten Weg. Wir waschen unsere erfrischten Füße an einem der Wasserplätze ab, trocknen sie in der Morgensonne und ziehen dann unsere Wanderschuhe an, die unter einer Bank in den Dünen auf uns warten. Bequeme handgestrickte Socken liegen in den passgenauen Wanderschuhen für uns parat.
Füße brauchen Pflege und Anerkennung ihrer unfassbaren Dienste für uns.
Wir gehen also laut Karte ein ganzes Stück inseleinwärts. Die Sonne steigt immer höher, hier hinter dem Deich ist es gleich viel wärmer und windstill, fast drückend. In einiger Entfernung können wir das Zentrum der Insel erblicken.
Ein feines Zentrum, sauber, chic und sehr angenehm. Verschiedenste Lädchen mit erlesenen Dingen. Neben den üblichen maritimen Urlaubsmitbringseln gibt es hier auch die Möglichkeit hochwertige und ausgefallene Dekoartikel aller Art zu erwerben.
Wer einen Sinn für Schönheit hat, dessen Augen werden hier belohnt. Überhaupt scheint es so, dass die Menschen, denen wir jetzt mehr und mehr begegnen eigens zum Einkauf hierher gekommen sind. Viele tragen Taschen auf denen die Marken der Waren deutlichst zu erkennen sind. Einmal mit so einer Tasche gesehen zu werden, gibt manchen das trügerische Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Eine Gemeinschaft von Taschenträgern, die sie etwas leisten können. 

Arme oder gar obdachlose Menschen werden wir hier, auch in den Hinterhöfen oder öffentlichen Plätzen, nicht zu sehen bekommen.
Alles glänzt, es ist wunderschön. 

Uns wird klar, wer hier Urlaub machen kann, hat zuhause einen guten Job gemacht. Und andersrum, wer hier zuhause ist, macht mindestens genauso einen guten Job. Das Leben auf Zelos ist teuer. Als Gast oder Gastgeber. Klingt nach Energieausgleich. Nehmen und Geben.

Wir setzen uns auf eine Bank im Inselpark . Ein kleiner Junge bringt uns ein Tablett mit duftendem Minztee und einigen frisch belegten Fischbrötchen. Köstlich. So sitzen wir eine Weile und beobachten das bunte Treiben der kleinen Inselstadt.
Waren werden an die Hotels und Cafés geliefert. Fenster geputzt und Blumenkübel angepflanzt. Alles scheint in freudiger Erwartung. Tageskarten werden in perfektem Handlettering an die Schiefertafeln vor den Restaurants gezaubert. Heute gibt es Heilbutt im Angebot. Passanten schlendern durch die belebten Gassen, halten hier und da inne, lesen Sprüche auf Karten, lachen sich zu. Männer sitzen vor Modelädchen mit Kleinkindern auf einer Bank vorm Schaufenster, als ob diese eigens zu diesem Zweck dort platziert wurde. Hunde spielen mit den Nerven ihrer Besitzer. Verliebte laufen Arm in Arm zum Kiosk, der das beste Inselsofteis anbietet. Herrlich.
Hier könnten wir den ganzen Tag so sitzen und nur beobachten, was sich hier so tut, wie in einem Wimmelbuch. 

Wir hören die Glocken läuten, es ist tatsächlich Mittag geworden, die Sonne steht jetzt hoch am Himmel und laut Karte haben wir noch ein gutes Stück zu gehen, bevor wir den Adlerpunkt erreichen. 

Was kann man in dieser Idylle schon über Eifersucht lernen, fragst Du Dich vielleicht. Zu Recht. Auf den ersten Blick sieht hier alles so schön aus, alles glänzt, alles leuchtet in der Mittagssonne, alle scheinen zufrieden, zunächst.

Einige von uns kennen das, wir arbeiten das ganze Jahr, sind eingespannt und in mancherlei Verantwortung. Dann kommt der ersehnte Urlaub und wird mit unseren überhöhten Erwartungen fast zum jährlichen Fiasko. Manche werden sogar krank im Urlaub, weil der Körper mal zur Ruhe kommen darf. Unbearbeitete Konflikte fliegen hoch. Familien, die zuhause kaum miteinander reden, werden auf sich zurückgeworfen und streiten, es regnet und letztlich gibt man viel Geld aus für Dinge, die man zuhause niemals tragen wird.
Ich sage nicht, dass es immer so ist. Aber öfter.
Die Eifersucht auf scheinbar glücklichere Paare, Familien, der Neid auf die Superfigur fast aller Frauen am Strand, der Blick auf die muskulären Männer, die niedlichen wohlerzogenen Kinder und allesamt in Samt und Seide gekleidet. Delikatessen schlürfend und Champagner trinkend. 

Auch wenn ich es mir nicht bis ins Letzte eingestehen will, ich bin eifersüchtig. „Ich will auch.“

Aber was will ich eigentlich wirklich?

Gedankenversunken haben wir gar nicht gemerkt, dass sich ein alter Herr zu uns auf die Bank gesetzt hat. Als ob er ein alter Freund von uns wäre, fängt er unvermittelter Dinge an zu erzählen.
In seiner Blütezeit hätten ihm hier auf der Insel drei Hotels gehört. Viel Arbeit, viel Kraft, viel Zeit und noch mehr Geld hätte es gekostet, die Zimmer und das Ambiente auf die immer steigenden Erwartungen der Gäste zu bringen. Die Winter wurden zur Erneuerung der Zimmer und zum Ausbau benötigt, da viele Gäste nicht gut umgehen würden, mit ihren Feriendomizielen. Die eigenen Kinder seien fort in die nächste Großstadt um etwas Vernünftiges zu lernen und dort zu arbeiten, zu groß der Druck und die Verantwortung. Das Personal hier: stetig wechselnd aus aller Herren Länder, so ein Inselleben, kann nicht jeder. Für ihn sei seine Insel immer laut, im Sommer die Gäste, im Winter die Bauarbeiter. Trotz allem, sei sie seine Heimat, sein Zuhause.
Wir hören ihm aufmerksam zu.
Ich frage ihn, ob es ein Seniorenheim auf der Insel gibt, was unser liebenswerter  Gesprächspartner verneint. Wenn man keine Familie oder gute Freunde hat, geht man zum Sterben an Land, sowie seine liebe Frau vor einigen Jahren. Seither sei er viel allein und manchmal auch einsam.

Es wird still auf der Bank im Park . Sehr still.
Um uns herum immer noch das bunte Treiben, wie vor einer Stunde.
Nur wir haben unseren Blick geändert bekommen. 

Ruhe!

Nächsten Freitag geht es an dieser Stelle weiter.

Nur soviel, Liebe eifert nicht.

Wir sehen als Menschen immer nur das, was vor Augen ist, den scheinbaren Erfolg, den Reichtum, das Prestige, die Art und Weise, wie Menschen sich kleiden oder verhalten.

Da kann es passieren, dass wir eifersüchtig werden, weil wir meinen, das zu sehen, was uns fehlt, was uns zusteht.
Was wir uns aber oft nicht trauen, ist einen zweiten Blick zu wagen.

Ich lade Dich ein, bis wir uns hier wieder sehen, diesen zweiten Blick zu erhaschen.

Ist die Ehe deiner Nachbarn wirklich so perfekt? 

Gleichen die Markenturnschuhe des Klassenkameraden deines Sohnes die Abwesenheit seiner schufteten Eltern aus?

Möchtest Du die Verantwortung für angestellte Mitarbeiter in Gänze übernehmen, auch wenn Du keine Garantie auf verlässliche Einnahmen hast? 

Alle Menschen auf der Insel Zelos, seien es die Gäste, die Arbeiter, wie die Bewohner als auch die Geschäftsleute eint eines:
„Sie haben den jeweiligen Preis für ihr Leben bezahlt.“

Wie dieser Preis zustande kommt, was es sie alle gekostet hat, darüber unterhalten wir uns bald.
Nur soviel, auch Du bezahlst einen Preis für Dein Leben, ob es Dir bewusst ist oder nicht.
Vielleicht bist Du Single und wünscht Dir eine Familie, vielleicht umgekehrt.
Oder Du erstickst in Arbeit und Verantwortung, jemand anderes hat wirklich Langeweile.
Du wünschst Dir seit Jahren viele Kinder und bist allein, eine andere hat drei Kinder und seit acht Jahren keine Nacht mehr durch geschlafen.
Du bist an Deinen Heimatort gebunden, ein anderer muss tausend Kilometer von zuhause entfernt arbeiten.
Du bist immer allein, oder Du bist nie allein.

Wie Du liest, hat alles seinen Preis. Dies gilt es beim nächsten Eiferanfall zu bedenken.

Dein Leben kann leichter werden, ohne Eifersucht. Leichter und viel viel echter.

In diesem Sinne

Deine Gerda

Nun aber bleiben Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Das grösste ABER ist die Liebe.

PS: Zelos ist das altgriechische Wort für Eifer 

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