Im Grand Resort La Frimeur oder- Liebe bläht sich nicht auf!

Hi,
was für eine Nacht war das ?
Der Flug im unbemannten Senkrechtstarter über die Insel des Mutwillens hat mich furchtbar entsetzt und traurig berührt zu gleichen Teilen. Zwischen „wie kann man nur so gemein, so rücksichtslos sein – und – die armen Menschen werden nie wieder da raus kommen“ kullern mir immer noch die Tränen über die Wangen. 
Dieser Flug wird noch lange nachklingen, ebenso der Spaziergang des Schweigens mit Naturelle, die Begegnung mit dem alten Insulaner auf Zelos und unser nächtlicher Segeltörn auf der Friendship.
Es ist soviel geschehen, dabei sind erst vier Tage vergangen, seitdem wir beide nach Makrothymia aufgebrochen sind, um etwas über Langmut zu lernen.  

Und jetzt das?

 

Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wo DU im Getümmel der Nacht abgeblieben bist. Ich hoffe, wir sehen uns wieder!
Ich muss mich erstmal selber sortieren.
An meinem rechten Unterarm befindet sich fest verblombt ein pinkfarbenes Armband. In goldenen Lettern lese ich folgendes:
26 – La Frimeur- Grand Resort – Ilzhar Hala- 26  



Da war doch was?
Richtig, mit diesem Bändchen kann ich die massiven Aussenrolladen bedienen, was ich gleich mal am Smartmonitor ausprobiere. Mit Erfolg. Es ist heller Tag, die Sonne lacht, kleine weiße Wölkchen sind am azurblauen Himmel zu sehen. Langsam klettere ich aus meinem Himmelbett und öffne die Balkontür. Der Blick raubt mir den Atem. Nicht nur, dass das Hotel in die gewaltige Steilküste der Metropole Ilzhar-Hala eingelassen wurde, nein, von hier aus erblicke ich mindestens drei grosse Poolanlagen, weitläufige top gepflegte Gärten wie aus dem Geschichtsbuch. Hier und da eine kleine Holzterrasse mit schweren Rattanmöbeln unter riesigen weissen Baldachinen. Fleissige Gärtner sorgen mit Harke und Gießkanne für einen einladenden fantastischen Eindruck. Es duftet überall nach Jasmin, englischen Rosen und –
Rührei mit Speck.

Moment ! 
Ich habe richtig Hunger. Seit wann habe ich eigentlich nichts mehr gegessen? Frühstück, das riecht so gut.
Also zurück in meine Suite, vorbei an dem riesigen Flachbildschirm ins Bad. Eher gesagt in den Badesaal. Alles blitzt und blinkt, eine Regendusche lädt mich zu einer Erfrischung ein. Herrlich. Das hoteleigene Duschgel duftet nach Orient, schwer und sehr intensiv. Ein besonderes Erlebnis. Die Handtücher, schwarz-gold, feinstes Frottee. Herrlich, frisch und duftend schlüpfe ich in die bereitgestellten Flipflops und in den schwarzen fusslangen Bademantel aus Samt.
Bevor ich nur darüber nachdenken kann, was um alles in der Welt ich anziehen soll, finde ich auf der Bank vor meinem Bett, neben meinem Rucksack, eine wunderhübsche weiße Seidenbluse, sowie eine tiefblaue Leinenhose. Genau meine Größe. Unter der Bank stehen weisse Espandrillos. Passt alles!
Chick und frisch werfe ich einen kurzen Blick in den Hotelflyer, der auf dem ovalen Glastisch liegt. Da steht ja auch ein Obstkorb und eine Karaffe, gefüllt mit Eistee aus frischer Minze. Stand das gerade auch schon da? Egal, ich trinke einen Schluck dieser Köstlichkeit. Extrem lecker. Was für ein wundersamer Ort dies doch ist.
Der Flyer verspricht eine Flaniermeile mit diversen Shops und mindestens 16 Restaurants mit den wohlklingenden Namen wie Miranda Lounge, Alsaffa Bar, Grand Grillstation, Fishbazar, Strandclub, Cookiekitchen und Goodmorningplace.
Good Morning Place …
Das buchstabiere ich in langen Silben mehrmals hintereinander. Das muss ein Traum sein. Die einzig logische Erklärung.
Ich fange an zu summen, Good Morning Place,
Good Morning Gerda …, bis mein Magen unmissverständlich durch ein Knurren meine Summarie beendet.
Anscheinend trennen mich 26 Stockwerke von dem zuvor geschnupperten Rührei mit Speck. Kann man wohl soweit riechen?
Ein letzter Blick in den Wandspiegel, sagen wir lieber Spiegelwand.
Da stehe ich, erstaunlicher Weise gefalle ich mir sehr gut , in blauer Leinenhose, weisser Seidenbluse und unverkennbar mit pinkem Armband, das sofort alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Was hat es nur damit auf sich? Los geht es.
Vor der Tür spüre ich unter den perfekt sitzenden Espandrillos einen dicken Plüschbelag, in den Hotelfarben schwarz und Gold mit orientalisches Ornamenten. Am Ende des Korridors wartet der gläsernen Fahrstuhl auf mich. Einige Gedanken von letzter Nacht blitzen auf und verschwinden sofort wieder. Kaum eingestiegen, geht es auch schon in die Tiefe, ohne Zwischenstopp.

Unten angekommen, entfaltet sich vor mir eine regelrechte Allee mit kleinen Lädchen, Restaurants, Bars und Shops. Wundervoll!

Ralph, der Butler 
Während ich mich noch sammle, kommt ein hochgewachsener schlanker Mann im schwarzem Anzug und weissen Handschuhen in meine Richtung. Es ist Ralph. Ich schätze ihn in den Fünzigern.
Ralph ist der Butler, der mich gestern in die Suite geführt hat. Nach einer herzlichen, aber formal klingenden Begrüßung fragt er nach meinem Befinden, ob ich gut geschlafen habe, das Zimmer in Ordnung sei, die Auswahl der Kleidung gepasst hätte. Bevor ich antworten kann, werde ich schon von ihm in ein kleines Bistro an einen runden Korbtisch geführt. Verblüfft von den intensivsten Farben und Gerüchen des Orients bringt Ralph mir zuerst ein feuchtes warmes weisses Händetuch, dass nach Salbei duftet und weist mich an, meine Hände damit abzureiben. 


Es folgt das beste Frühstück, das ich in meinem ganzen Leben gegessen habe. Ich probiere Pancakes, Frozenjoghurts, jede Frucht und jedes Törtchen. Allesamt hinterlassen sie eine Geschmacksexplosion in meinem halboffenen stehendem Mund.
Ist das lecker hier im Grand Frimeur.

Zum zweiten Mal erinnert mich mein Gehirn heute morgen, darüber nachzudenken, ob ich träume. Ich nehme mir fest vor, jemanden zu fragen. In dem Zusammenhang stellt sich  auch die Frage nach DIR?
Wo bist DU gestern Nacht abgeblieben?
Kaum habe ich aufgegessen, steht Ralph wie ein Schatten so schnell, wieder an meinem Tisch, diesmal mit einem schwarzen Händehandtuch, dass nach Lavendel duftet. 
Gerade als ich meine Fragen loswerden möchte, legt er los.
Er prahlt:

„Liebe Lady Gerda, Sie haben das große Los gezogen, denn das Schicksal wollte es so. Sie sind in der glücklichen und außerordentlichen einzigartigen fantastischen Lage, Trägerin des Pinken Bandes am rechten Arm zu sein. Damit haben Sie die einmalige Chance für alle Zeiten hier bei uns im Grand Frimeur zu bleiben. Ich selber werde Tag und Nacht da sein, und Ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen, Sie zum shoppen in unsere internationalen Designer-Boutiquen begleiten, beim Spa nicht von Ihrer Seite weichen, jeden Tag die köstlichsten Speisen in Ihre  Luxussuite bringen oder Sie in eine der vielen Sternerestaurants entführen. Ich werde die passenden Sportarten für Ihre Fitness aussuchen und Sie in die Welt des Trancedances, wie die des Powerjogas einweisen. Natürlich bekommen Sie jeden Tag Ihre kosmetischen Behandlungen. Sie brauchen sich ab sofort um nichts mehr zu kümmern, Sie, liebste Lady Gerda können sich nur glücklich schätzen, denn ich, ihr Butler Ralph, habe sehr viel Zeit und noch mehr Geld in meine Aus- und Weiterbildung zum persönlichen Butler investiert. Und davon werden Sie, liebe Gerda von dieser Sekunde an profitieren.
Ich werde Ihre Wünsche vor Ihnen erahnen, Sie auf Händen tragen und umsorgen. Habe ich Ihnen schon von meiner hervorragenden Ausbildung erzählt? Meine Zeugnisse sind superb, ich diente in großen Adelshäusern. Dienen ist mein Beruf, meine Passion, meine Leidenschaft und meine Berufung. Gerda, Ihnen zu dienen ist für mich die Erfüllung. Für Sie nur das Beste vom Besten und das bin nun mal ich. Ab sofort zu Ihren Diensten.
Sie können mich gerne Ralph nennen.“

WOW, WOW, WOW !
Halt, Stopp mal.
Ich versuche nach Luft zu schnappen, was mir auch gelingt. Ich stehe auf, strecke mich kurz, als meine duftenden Hände ihren Weg in mein Gesicht finden, reibe mir die Augen, schliesse sie und öffne sie wieder. 
Ralph steht immer noch da.
Und er hat in der Zwischenzeit anscheinend auch Luft geholt:

Sagte ich bereits, dass ich die feine frimeurische Art des Lebens bestens beherrsche? Ich bügle Ihre Zeitung, suche für Sie den besten Haarstylisten. Ich bin diskret, zuverlässig, diplomatisch, ich bin der beste Butler diesseits der Hemisphäre, keiner kennt die Highsociety besser als ich, für Sie liebste Gerda, wird sich hier in Ilzhar Hala schlichtweg alles verändern. Mit meiner Hilfe, meinem Wissen und meinem Know-How mache ich im Handumdrehen eine echte Lady a La Frimeur aus Ihnen. 
Ich bringe Ihnen alles bei, was gesellschaftlich hier wichtig ist, wie Sie reden, wie Sie gehen, was Sie tragen und wie Sie hier dazugehören können. Alles bringe ich Ihnen bei. Erwähnte ich schon …“

Mir wird schwindelig, ich muss mich setzen. 
Ralph holt mir ein Glas, gefüllt mit einem azurblauem Getränk.
Er reicht es mir, ich trinke.
Vor meinen Augen wird es blau, azurblau.

Liebe ist langmütig und freundlich,
die Liebe eifert nicht,
die Liebe treibt nicht Mutwillen,
sie bläht sich nicht auf.

Liebe bläht sich nicht auf. Kennst DU auch Menschen, die immer alles am besten können? Deren Jobs mehr Geld bringen, dessen Häuser schöner sind, dessen Kinder erfolgreicher, dessen Konto voller, dessen Fitness stronger ist? DU kennst sie bestimmt. 
In ihrer Gegenwart stirbt jede Kreativität, jede Hoffnung, dass man irgendwie dazu gehört. Man nennt sie Angeber oder Prahlhanse.

Sie geben immer alles viel besser und schöner an, als es in der echten Welt ist. Sie prahlen den ganzen Tag mit ihrem tollen Leben, auch ohne Anfrage. Sie reden und reden, wie krass gut ihr Business läuft und überhaupt kennen nur sie die richtig coolen Leute.
Zumindest sagen sie das.

Es ist egal
Schade eigentlich: Denn eins wissen wir beide,
DU und ich wissen seit Tag 1 unserer Reise:
„Es ist egal, wie teuer Deine Butlerausbildung war,
es gibt immer noch teurere,
es ist egal, wie maßgeschneidert Dein Anzug ist,
Es gibt immer noch besser sitzende …
Egal …

Wie es unter diesen Umständen mit unserer Reise durch das Land der Empathie und dem größten Aber weitergeht, bleibt abzuwarten.

Wenn ich wieder ansprechbar bin, melde ich mich sofort bei Dir.

Nur so viel:
DU bist mir nicht egal, mich interessiert wirklich, wo DU gerade in Deinem Leben steckst. Wer oder was hat Dich abgehängt?
Welchem Angeber hörst DU noch zu. Und wo übertreibst DU, um dazu zugehören, soll ja vorkommen. 

Herzliche Grüße
von Gerda

Zur Zeit irgendwo im azurblauen Nirgendwo

PS:
Ralph heisst in Wirklichkeit Ralf Hanseln und kommt ursprünglich aus Waschhagen, wo seine gesamte Familie in der Herstellung von Waschlappen aller Art tätig ist. Nach seiner erfolglosen Ausbildung in der Lappenfabrik machte er sich auf den langen Weg zu Butlerrei.

Liebe verhält sich nicht ungehörig.

Frimeur ist der französische Begriff für Prahlhans 

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