Fastentage: „Das Veilchen, oder: Blühen im Verborgenen“

Du liebenswerte und wunderbare Seele
ich bin so dankbar, daß Du mit mir diese
Fastenreise angetreten bist,
und ich hoffe, Du konntest,
genau wie ich,
schon davon
profitieren.

Heute hat sich das Veilchen zum Casting angemeldet.
Zu gerne möchte sie mit in den bunten Fastenstrauss eingebunden sein
mit ihrem Liebreiz, ihrem Duft und ihrem Glanz, ihrer Farbe.
ihrer Bescheidenheit und ihrer Demut.
Ich hoffe, daß sie wirklich den Mut findet, hierher zu kommen
und nicht im letzten Moment wieder umkehrt.
Ein Veilchen zu sein, ist besonders.
Du selbst zu sein, ist besonders.

Ich geh´ mal vor die Tür und laufe ihr ein Stück entgegen,
sie ist manchmal sowas von schüchtern …

Blühe, wo Du gepflanzt bist

Viola ist noch nicht zu sehen, dann nutzen wir beide doch die Zeit und schauen uns mal ihre Casting-Mappe an. Anhand so eines Bewerbungsschreibens läßt sich viel über das Wesen eines Wesens
in Erfahrung bringen, obwohl ein persönlicher Kontakt natürlich immer den intensiveren Eindruck vermittelt.
Wollen wir mal lesen:


Man nennt mich Viola,

liebe Blumenliebende  in der Fastenzeit,
mit diesen Ausführungen möchte ich mein ernsthaftes Interesse an einem kleinen Platz in Ihrem Fastenblumenstrauss bekunden.
Es wäre mir eine Freude, zwischen den anderen großartigen Blumenwesen zu duften um Ihnen Ihre Fastenzeit zu verschönern.
Sollte Ihre Wahl jedoch auf eine andere Pflanze fallen, ist das völlig in Ordnung für mich, machen Sie sich bitte keine Gedanken.

Allgemeines
Meine gesamten Ahnen gehören zur Gattung
 der Veilchengewächse (Violaceae) mit etwa fünfhundert Arten, die hauptsächlich in den gemäßigten Klimazonen verbreitet sind. Wir mögen keine sengende Hitze und auch keine Eiseskälte. Am wohlsten fühlen wir uns, wenn immer alles schön gleichmässig in seinen Bahnen verläuft. Die Blüten meines Volkes sind z.B. in intensiven Violett-, Blau-, Braun- oder Gelbtönen gefärbt. Großmutter Stiefmütterchen, sowie Vetter und Cousine Duftveilchen (Viola odorata) sind Ihnen sicher ein Begriff, genau wie die Großfamilie meines Vaters, die der Hornveilchen (Viola cornuta).


Zu meiner Persönlichkeit

Aufgrund meines intensiven Duftes und der samtig wirkenden violetten Blüten bin ich als Duftveilchen anscheinend besonders beliebt. An halbschattigen und nicht zu heißen Standorten mit lehmigem Boden gedeihe ich in jedem Garten ohne viel Pflege.
Ich bin sozusagen pflegeleicht. Unter Hecken oder unter laubabwerfenden Sträuchern und Bäumen fühle ich mich am wohlsten. Nur keinen Aufstand oder keine Bemühungen für mich.
Ich brauche meine Ruhe und möchte möglichst ungestört bleiben . Vor allem als Jungpflanze war ich extrem durstig nach lebendigem Wasser.
 Heute bin ich genügsam. Sollte mich jemand sehen ist es schön, sollte jemand stehen bleiben, wegen mir, jubelt mein kleines Blumenherz und sollte dann noch jemand durch meinen Duft einen besseren Tag haben, bin ich mehr als gewillt mich pflücken und in eine Vase stellen zu lassen, was ehrlicherweise in freier Blumenlaufbahn selten geschieht. Gemäß meiner Beschaffenheit nehme ich am liebsten im Frühling oder im Herbst einen neuen Aufenthaltsort ins Auge, Sommer und Winter sind mir, wie oben erwähnt einfach zu extrem. 


Mehrere Persönlichkeitstest, die meistens andere Blumen für mich gemacht haben, ergaben folgende Ergebnisse, an die ich aber nicht so richtig glauben kann, denn wie soll man schon per Fragebogen etwas über das Wesen eines Wesens erkennen können?
Um mit der Mode zu gehen und das scheint es ja wohl gerade zu sein, kommen hier die Resultate.

„Als zierliches Veilchen steht Viola in der Sprache der Blumen vor allem für Demut, Unschuld und Bescheidenheit. Darüber hinaus ist  sie ein Symbol für  Genügsamkeit, Selbstzufriedenheit, Geduld, Introvertiertheit und  Zurückgezogenheit. Sie ist sich ihrer Ausstrahlung und ihres Duftes oft nicht bewusst und stellt an ihren Nährboden wenig Ansprüche, ist sehr schnell zufrieden und will auf keinen Fall im Mittelpunkt stehen oder gar auffallen.“
Das ist das Testergebnis.

Falls nun tatsächlich Ihr Interesse geweckt wurde und ich meinerseits den Mut aufbringen kann, wirklich zu erscheinen, freue ich mich natürlich sehr, Sie und die anderen Blumen kennenzulernen.

Wir können sicher sehr viel voneinander lernen und zusammen ein harmonisches ordentliches gleichmäßiges und einheitliches Bild in Ihrer Vase kreieren.  Bitte geben Sie sich keine Mühe oder machen sich irgendwelche Umstände bei der Vorbereitung unseres Treffens. Wie geschrieben: ich bin wirklich sehr pflegeleicht.

Mit liebevollen
Duftgrüßen

Ihre Viola Veilchen

Das ist ja mal ein Bewerbungsschreiben, oder?
Eins muss ich Viola zugestehen, sie ist in Ihren Aussagen ziemlich ehrlich, das schätze ich. Meine Frage ist natürlich, ob sie die Richtige für unsere Vase ist? Schließlich gehen wir noch einen ganzen Weg miteinander. Eine Chance müssen wir ihr geben, oder? Kann ja für sie auch ein großer Zugewinn werden, eine Zeit mit all den anderen Blumen, nur mit Rückzug und gleichbleibenden Temperaturen wird es schwierig und enger wird es ja auch jeden Tag. Enger und bunter und voll von den verschiedensten Gerüchen. Ob sie das schafft? Oder ob wir bis zum Schluss warten sollten, damit sie nur einen kurzen Zeitraum  in dieser Vielfalt bewältigen muss? Eins ist schon mal klar.
Viola, Du bist wirklich besonders!

Während ich mir hier so meine Gedanken über die vielen wundervollen Violas und Violos und andere Wesen mit diesen Wesenskernen mache, ist die Zeit verstrichen. Heute kommt unsere Kandidatin für den fünften Platz in unserer Vase wohl nicht mehr. Schade eigentlich.
Ich hätte sie sehr gerne von Herz zu Herz kennengelernt. Um sie zu ermutigen, daß die Welt Wesen wie sie eine ist, braucht und daß es einen Platz in der großen Vase des Lebens für sie gibt.
Vielleicht hätte ich auch nur zugehört, um ihr zu zeigen, daß sie auch dazugehört. Zu uns gehört.
Moment mal, hier kommt gerade eine Nachricht auf mein Handy:


Es sieht so aus, als hätte ich heute keine Blume für unseren Fastenstrauss für uns.

Du liebe und wundervolle Seele, 

viele Hochsensible Personen (HSP) werden sich mit ziemlicher Sicherheit in der Bewerbung von Viola wiederfinden.
Heute möchte ich Dich und mich zu einem Fasten von Vorurteilen gegenüber allen  introvertierten, bescheidenen und genügsamen, demütigen und unscheinbaren Menschen unter uns einladen.

Dabei ist mir folgendes wichtig zu schreiben :
wenn Du so ein Wesen bist und glücklich, zufrieden, völlig in Deiner Kraft am Ort Deiner Wahl liebst, lebst und versöhnt mit Deinen Gaben dienst, dann melde Dich bitte bei mir. Ich habe viele Fragen an Dich.
Und keine Angst, ich werde Dich nicht von Deinen Wurzeln trennen wollen, um Dich in eine Vase mit den verschiedensten Typen zu stecken. Ich möchte nur hören, wie Du zu Dir gefunden hast.

Wozu?
Um all  den wundervollen Veilchen jeglicher Gattung da draussen ,
die immer noch im Boxring wild fuchtelnd mit sich selber kämpfen,
um anders und damit gesellschaftsfähig zu sein, beizustehen.
Die Veilchen unter Euch da draussen, die es leid sind, leidenschaftlich wie die Passionsblume, wunderschön wie die Lilien, geschichtsträchtig wie die Rosen oder selbstverliebt wie die Narzissen sein zu müssen,
nur um einmal wirklich gesehen, bemerkt und aufgehoben zu werden.

Veilchen sind besonders.
Du bist besonders.

In Liebe zu
(fast) allen Blumen

❣️Deine Gerda❣️

Manchmal werde ich gefragt, woher ich all diese Ideen und Geschichten habe, wie ich zu meinen Wörtern finde.
Die Wahrheit ist, sie kommen zu mir. Meistens in der Nacht, und morgens ist dann das Gerüst für einen Beitrag direkt vor meinem inneren Auge fertig, daß ich es nur noch füllen darf.

Manchmal ist ein Beitrag auch Selbstreflexion oder Selbsterkenntnis, die andern helfen kann, sich und die hochkomplexe Welt mit anderen, wachen und versöhnten Augen zu sehen.
Um ehrlich zu sein, habe ich die Art des oben beschriebenen Fastens selber am nötigsten. Ich reagiere in letzter Zeit extrem genervt auf Wesen, die sich, wie Viola, (meines Erachtens) viel zu wenig zutrauen und weit unter ihrem Potential leben wollen möchten aus allen möglichen Gründen. Das tut mir so von Herzen leid und ich entschuldige mich für mein Verhalten.

Manchmal braucht es ein Lexikon für Blumenfreunde um zu erkennen, daß es Veilchen geben kann, die eben genau das sind, wofür sie geschaffen wurden: bescheiden, genügsam, keine Extreme, unscheinbar und demütig, zurückgezogen und introvertiert.
Und doch herrlich duftend und ein Segen  für den, der einen oder zwei Exemplare um sich haben darf.
Um offen und wahrhaftig zu bleiben, möchte ich mich zum Schluss dieses Beitrages an alle hochsensiblen, feingetunten, sensitiven Seelen wenden, die tief in ihrem Herzenskern wissen, daß das Leben, wie sie es gerade führen und gestalten,weit weit entfernt von dem Leben ist, für das sie hier auf die Erde gekommen sind.
Wenn Deine Bescheidenheit und Demut, Dein Rückzug von allem, Dein “nur keine Mühe machen“ Dich nicht nachhaltig auftanken und glücklich macht. Wenn Du spürst, daß da viel mehr in Dir steckt, als Du momentan selber sehen kannst, könnte es sein, das die Zeit gekommen ist, Dich zur Verfügung zu stellen, Dich sehen zu lassen, Deinen Duft zu verströmen und die Welt mit Deiner einzigartigen Seelenfarbe zu erfreuen.

Ich werde in der Zwischenzeit meinen empathie.blog  mit Viola teilen und ihr ein gemütliches Treffen anbieten, ohne Casting, nur ein Teetrinken zweier Blumen, von der eine schon weiß, wer sie ist.

Viola Veilchen, Du bist bemerkenswert, besonders eben. 

 

Tut nichts aus Eingennutz oder um eitler Ehre Willen,
sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst,
und ein Jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das,
was dem anderen dient.
Seid so unter Euch gesinnt …

Die Bibel,
Der Brief an die Philipper,
2. Kapitel, Vers 3

 

Und morgen,
hat sich die Herkulesstaude,
genannt Bärenkralle angemeldet,
Du liest von mir.
Hilfe!

5 Antworten auf „Fastentage: „Das Veilchen, oder: Blühen im Verborgenen““

  1. Liebe Gerda,
    Schön in meinem Poesiealbum steht:
    „Sei wie ein Veilchen im Moose,
    bescheiden und rein.
    Und nicht wie die stolze Rose,
    die immer bewundert will sein.“
    Ich muss mich nicht hervorheben, oder andere kopieren wollen.
    Ich bin ich! Ich muss nur im richtigen Moment da sein. Hoffentlich gelingt es mir immer.

    1. Liebe Hannelore, Du bist Du, das ist großartig ! Diese Welt sehnt sich so sehr nach Menschen, die Wissen, wer sie sind ❣️❣️ Danke für Deine Erinnerung, was uns früher alles zugeschrieben wurde. ❤️❤️

  2. Oh je, ich habe Viola an der einen oder anderen Stelle zunicken können und gedacht, oh ja, ich verstehe dich. Ich verstehe dich nur allzu gut. Im Boxring mit sich selbst zu stehen, das ist mir wohl bekannt. Ich habe gelernt, im Kampf mit anderen den Boxring zu verlassen (zu können), denn allein macht dem anderen der Kampf ja keinen Spaß mehr (und keinen Sinn). Aber gegen sich selbst sieht es doch etwas anders aus… Viola, wir schaffen das!!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.