Die Insel Zelos – Dein Pfad des Schweigens!

Hi, da sind wir wieder,

erinnerst DU Dich noch?

Es wird still auf der Bank im Park. 

Sehr still.

Um uns herum immer noch das bunte Treiben, genauso laut und schrill wie vor einer Stunde. Nur wir haben unseren Blick geändert bekommen. Ruhe! Im nächsten Moment ist der alte Insulaner verschwunden. Wir sind nachdenklich und auch ein wenig desillusioniert, verwirrt.
Was für eine merkwürdige Begegnung.
Diese Insel macht etwas mit uns. Ins Nachdenken gekommen wissen wir jedoch, dass es weiter gehen muss.

 

Es ist Nachmittag geworden. Ein Blick auf unsere Karte zeigt uns den Weg hinaus aus der kleinen Ortschaft, die so voller Widersprüche zu sein scheint. Wenn wir heute den Inselflughafen noch erreichen wollen, müssen wir langsam los.
Zu Fuß geht es nun durch eine zauberhafte Dünenlandschaft, die Heckenrosen duften, der Sanddorn blüht in seiner Pracht. Hier und da sehen wir Fasane, hüpfende Kaninchen und die Luft ist erfüllt von Inselvögeln von Insekten aller Couleur. Schmetterlinge, Libellen  und Hummeln tanzen durch die Lüfte, als würde die Gravitation für sie eine Pause machen. Unter anderen Umständen hätten wir diesen Spaziergang  mit allen Sinnen genossen. Doch heute, unter den Eindrücken der letzten Stunden, gehen wir schweigend nebeneinander. 

Manche Situationen im Leben sind eine Einladung zusammen zu schweigen und trotzdem weiter zu gehen. Nicht jeder persönliche Fortschritt kommt mit Pauken und Trompeten um die Ecke. Es gibt Momente, die von Wörtern zerstört werden, in denen jeder Laut alles nur noch schlimmer macht.

Habe bitte keine Angst vor der Stille. Auch mir, die ich Wörter liebe, ist es lange schwer gefallen in die Ruhe und ins Schweigen zu gehen. Heute brauche ich diese Zeiten, um neu zu sehen, feiner zu fühlen und richtig zu hören. Keine Angst vor der Stille mein Freund!

Wir gehen, es geht – trotz Enttäuschung und Desillusion – weiter.

Bis zum Flieger ist es noch ein gutes Stück, wir versuchen wirklich, die Schönheit dieser Insel wieder in den Blick und in die Seele zu bekommen, was uns auch teilweise gelingt.

Liebe eifert nicht.

Merkwürdig alles!
Der gleiche Weg hätte uns wahrscheinlich zu einem anderen Zeitpunkt hochgradig entzückt, doch nicht heute, nicht jetzt.  Nur nicht stehen bleiben, nicht zurück schauen.
Wir beide gehen so eine ganze Weile nebeneinander her. 

Schweigen ist heilsam.

Wir bemerken auf einmal, dass eine junge Frau, eine Wanderin zwischen uns geht. Wie lange läuft sie schon inmitten unserem Schweigen? Sie stellt sich uns als Naturelle vor. Sie wohne seit ihrer Geburt auf Zelos und habe den Auftrag über die Natur zu wachen. Die Flora und Fauna auf ihrer Insel, fährt sie fort, sei von unschätzbarem Wert. Die Bäume seien friedlich und viele kleine hilfreiche Wesen würden hier ihr Zuhause haben. Menschliche Augen könnten sie jedoch nur in einer aufrichtigen Haltung purer Liebe zur Schöpfung sehen oder fühlen. Aha?!
Naturelle sieht aus wie eine Rangerin, braungebrannt, unter ihrem Sonnenhut sieht man ihre strohblonden Haare die in einem eilig zusammengebunden Pferdeschwanz hin und her hüpfen. Sie ist sehr schlank, fast drahtig und hat Sommersprossen in ihrem runden Gesicht. Was uns auf Anhieb auffällt, sind ihre gütigen leuchtenden blauen Augen, ihre entzückenden Grübchen, wenn sie fasziniert lächelt. Sie hat filigrane zarte Hände, die fast transparent erscheinen, obwohl auch sie sonnengebräunt sind.
Naturelle trägt beige Shorts, gute oft getragene Wanderschuhe wie wir und eine olivfarbene Weste mit vielen kleinen Taschen, in der sie unbekannte Werkzeuge und andere Überlebensutensilien verstaut hat. Ihr alter vergilbter Militärrucksack könnte bestimmt hunderte von Geschichten erzählen. Der sitzt wie angegossen auf ihrem geraden Rücken. Naturelle hat einen sehr aufrechten, feinen fast anmutig schreitenden Gang. Sie geht so leise, dass man den Eindruck gewinnen könnte, dass sie schweben würde und gleichsam so durchtrainiert, dass sie bei jedem Spurt ihre Verfolger den Inselstaub schlucken lassen könnte. Geheimnisvolle Naturelle.
Und nun läuft sie zwischen uns, zwischen mir und Dir. Wir beide haben völlig die Zeit vergessen, es scheint einerseits, wir hätten gerade erst den belebten Inselkern und unsere Bank im Park verlassen, andererseits scheinen wir schon Ewigkeiten mit Naturelle hier unterwegs zu sein.
Die Uhren ticken hier wirklich anders, das Inselherz folgt seinem eigenen heiligen Rhythmus.
Ein übernatürliches Vertrauen zu unserer neuen Weggefährtin ist ebenso spürbar wie die Wichtigkeit der Wahrheit in der Geschichte, die sie uns nun erzählt. Wir schweigen weiterhin, aber das scheint Naturelle nicht im geringsten zu stören oder zu irritieren.
Mit einer festen Stimme, die dennoch zart, zerbrechlich und sanft klingt, erzählt sie uns:

„Es war einmal eine junge Frau, nennen wir sie Julia, die wünschte sich aus tiefster Seele ein Baby. Julia und ihr Mann Tom liebten sich von  Herzen. Ein Traum von einem Paar. Und dann, nach vielen Weihnachten und Silvestern, gab es Gewissheit. Ein winziges Herz pulsierte unter dem Herzen von Julia. Die beiden waren ausser sich vor Freude, machten Pläne und schwebten im siebten Himmel. Endlich ging ihr Traum, eine Familie zu gründen, in Erfüllung. Das lange Sehnen, ihre Gebete und ihr innigster Wunsch schienen sich nun endlich zu erfüllen. Alles würde gut werden. Ja!
Tom trug Julia auf Händen. Alles wollten sie tun, damit es dem Baby und der werdenden Mama an nichts fehlen sollte. So folgten sie den guten Ratschlägen der Großmütter, den Vorschlägen der Ärzte. Julia lebte gesund, ruhte viel und war voller Freude. Tom liebte seine Frau nur noch mehr, ein Traum. Sie waren voller Pläne. Abends lagen sie eng umschlungen auf ihrem Sofa, hörten wunderschöne Musik und träumten von der Gestaltung des Kinderzimmers, von einer Schaukel im Garten, von Ferien auf dem Bauernhof. Ein Baby im Haus. So lange hatten sie gewartet. Tom und Julia waren selig. Selig.

Bis zu dem Tag, als auf dem Bildschirm des Ultraschallgerätes kein Herzschlag mehr zu sehen war, geschweige denn zu hören.
Stille! Warum sagt hier niemand etwas? Nachdem noch ein zweiter Mediziner kam und dieselbe furchtbare Botschaft bestätigte, liegt Julia einfach nur da und glaubt in einem Alptraum zu sein, ihr Baby, ihr Glück ihr Lebensinhalt. Tot? Keine Herztöne. Kein Leben mehr. Das kann nicht sein, das ist nicht wahr. Nicht ich. Nicht bei uns, nicht, nein!!
Um Fassung ringend und völlig aufgelöst wird sie nach Hause geschickt, sie solle erstmal zu Verstand kommen und dann morgen in die Klinik fahren. Nüchtern und die Papiere mitbringen.
Julia weiss heute nicht mehr, wie sie an diesem Tag nach Hause gekommen ist. Stilles Schreien in ihr – wie im Nebel ihre Gedanken. Das muss ein Versehen sein. Und Tom, er wird denken, dass sei ihre Schuld, sie hatte sein Kind verloren, dabei hat sie sich an alle Tipps gehalten, an alle. Irgendwann kommen dann auch die Tränen, Trauer gepaart mit Wut über die Überforderung dieses Tages. Das kann einfach nicht stimmen, nicht wahr sein. Ein Irrtum. So etwas gibt es immer wieder. Tom kommt nach Hause. Auch er ist fassungslos und weiß nicht, was er tun soll. Nach gefühlten Stunden der Schockstarre müssen die beiden Liebenden langsam der Wahrheit ins Auge sehen.
Leider ist es, wie es ist. Das Kind ist tot, die Schwangerschaft wird am nächsten morgen beendet werden. Ende, aus der Traum. Finito!Tom ruft in seiner Not und Verzweiflung eine Nachbarin und Julias Freundin an. Er braucht Hilfe und Unterstützung für den Beistand seiner Julia, seinem Ein und Alles, diese liegt zusammengekauert auf dem Sofa, auf dem Sofa auf dem die beiden die letzen Woche Pläne gemacht hatten, für die Zeit als kleine Familie.
Das gleiche Sofa? Er hasst dieses Sofa und diese Situation. Er muss hier raus. Als die Nachbarin an der Tür klingelt, lässt Tom sie hinein, verabschiedet sich mit einem lautlosen Nicken und macht einen langen Spaziergang. Raus in die Natur. Kopf klären. Atmen.“

Uns steigen die Tränen in die Augen und obwohl wir immer noch schweigend links und rechts neben Naturelle hergehen, vereint uns eine Erkenntnis: Julia könnte jede von uns sein. Vielleicht ist sie es sogar.
Wir gehen, schweigend und weinend in Richtung Flughafen an diesem herrlichen Spätnachmittag auf der ungewöhnlichen Insel Zelos.

Liebe eifert nicht!

Naturelle hat mittlerweile eine silberne Wärmekanne aus ihrem Rücksack gefischt und schenkt uns in kleinen Holzbechern einen köstlich duftenden Hollunder-Weissdorn-Tee ein, dazu reicht sie Sanddorn-Hibiskus-Plätzchen aus einem bestickten Baumwolltäschen. Wir spüren die Liebe zur Schönheit in all dem. Nicht nur ein Gaumengenuss, sondern Nahrung für unsere strapazierten Nerven und wohltuend für unsere angeschlagen Seele wird uns hier angeboten. Wir hatten gar nicht gemerkt, wie durstig wir waren. Nach dieser Stärkung gehen wir weiter. Immer noch schweigend, jedoch gekräftigt und im festen Wissen, dass wir heute unser Ziel erreichen werden.
Naturelle hat alles wieder in ihren Rucksack verstaut, als sie weiter spricht. Noch leiser, noch zarter, doch mit fester Absicht in der Stimme, ihre Geschichte bis zu Ende weiter zu erzählen:

„Julia liegt auf ihrem Sofa, und weint, schluchzt und wimmert leise vor sich hin. Ihre Nachbarin, nennen wir sie Sympathica setzt sich auf den Sessel neben ihr und beginnt mit Julia zu reden:
 Ach Julia, ich weiss, wie Du Dich fühlen musst, aber das musste ja so kommen, so wie ihr euch da rein gesteigert habt. Ihr wolltet das einfach zu doll. Und, jetzt das. Aber, das vergeht, Du weisst doch die Merle, aus Haus Nr.5, die hat sogar mal Zwillinge verloren und heute hat sie drei kerngesunde Jungs, das wird schon, ihr seid ja noch so jung, ihr könnt noch viele Kinder bekommen. Und wer weiss, wofür das gut war, vielleicht war das Kind ja auch krank, die Natur macht das schon, ach Julia, Liebes, sei froh, dass es kein Krebs ist, ich hatte ja mal so einen Verdacht bei mir, das ist vielleicht die Hölle. Viele Frauen haben ja eine Fehlgeburt, ohne dass sie wissen, dass sie überhaupt schwanger sind. Du, das Leben geht weiter, glaube mir, morgen sieht die Welt schon ganz anders aus. Hoffentlich geben sie Dir was zum Schlafen. Also ich an Deiner Stelle würde da keinen großen Lärm drum machen, warum musstet ihr es auch aller Welt gleich erzählen …“

Symphatica wollte gerade nochmal Luft holen, als es an der Tür klingelte. Julia liegt jetzt noch verwirrter und trauriger in ihre Decke gehüllt und schnuckert leise vor sich hin.
Vor der Tür steht ihre Freundin aus Kindestagen, nennen wir sie Empathica. Julia und Empathica haben alle Hügel und Talfahrten ihres Lebens geteilt, sie sind innig verbunden, mit dem Band der Freundschaft.
Empathica
 gibt Sympathica freundlich und charmant zu verstehen, dass sie jetzt da ist und sich für die nächsten Tage frei genommen hat. Sie bedankt sich bei Julias Nachbarin und geleitet sie zur Tür. Einige Minuten später hört man nebenan, wie mit Kindern geschimpft und Ehemänner angewiesen werden, Rasen zu mähen und Bäume zu beschneiden.
Tom ist noch unterwegs. Wie es ihm wohl geht?
Empathica hat Tee gekocht, ihre Schuhe ausgezogen, ein neues Paket Taschentücher aus dem Bad geholt und setzt sich zu Julia.
Sie setzt sich zu Julia, nimmt sie in ihre Arme und flüstert:
Julia, es tut mir so unendlich leid, was euch dreien heute geschehen ist. Wie traurig und wie furchtbar. Ich bin hier. Ich bleibe, solange Du mich brauchst. Ich bin da für Dich.“

Nun weinen beide, Julia und Empathica. Lange Zeit. Mehr nicht.

Als Tom nach Hause kommt, geht die Sonne schon fast unter, keiner hat grossen Hunger an diesem Abend.
Sie sitzen noch eine Weile zu dritt auf dem Sofa. Auf dem Sofa.“

Naturelle bleibt stehen, sie sieht verträumt in die Dünen, denn auch hier auf Zelos ist es fast dunkel geworden. Sie nimmt uns beide an ihre Hände und wir schliessen den Kreis.
Drei Menschen in den Dünen, Hand in Hand, Vertraute durch geteiltes Leid, dessen Wege sich nun trennen. Wir schweigen immer noch. Naturelle sagt nur noch diese Worte, bevor sie durch die Dünen in Richtung Strand verschwindet:

„In ein paar Gehminuten werdet ihr den Inselflughafen erreichen, eure Maschine wartet bereits. Ihr könnt auch bleiben, das Eifern lernen oder zurück nach Hause kehren. Doch wenn ihr weiterziehen wollt, sei euch gesagt, nehmt den Überflug, nicht die Punktlandung. Gute Weiterreis. Möge die Sonne eure Herzen wärmen und die Sterne euch euren Weg erhellen. Lebt geliebt!
Was Julia und Tom betrifft: ihr wisst jetzt, dass es einen grossen Unterschied im Umgang mit menschlichem Leid gibt.

Sympathisch, aus der eigenen Sicht betrachtend, urteilend, beschwichtigend, bagatellisierend mit vielen ungefragten Ratschlägen verbunden ohne echte Verbindung oder Hilfsangebot.
Oder empathisch, mitfühlend, ohne Urteil, auf Augentiefe, zuhörend und tiefe Verbindungen bildend.
Erkennt Ihr es?

Wie Tom mit dem Verlust umgegangen ist weiss ich nicht, er ging fort, an einen andern Ort.
Geht achtsam und bedacht durch eure Welt.
Auf Wiedersehen, und Danke fürs Zuhören.“

Wir lassen Naturelle los. Sie geht ihren Weg in Richtung Strand.
Einen Moment lang sind wir wie erstarrt, wie angewurzelt als wir sie umspielt von den letzten Sonnenstrahlen ziehen lassen. Ich meinte, gesehen zu haben, dass sie sich mit einem Taschentuch ihre Tränen abgewischt hat, als sie den Durchgang zum Meer erreichte, aber vielleicht hat sie sich auch nur die Nase geputzt, wer weiss?

Wir beide, Du und ich haben heute so viel erlebt, gehört, gesehen und hoffentlich auch verinnerlicht.

Liebe eifert nicht.

Alles, was geschieht kann zwei Seiten haben. Für die einen ist die Insel ein Gefängnis, für die anderen die Zuflucht.
Auf der gleichen Bank im Park küssen sich Verliebte und weinen Trauende, das gleiche Sofa kann Traumfabrik und Traumaverarbeitungsort sein. 

Es kommt auf die Perspektive an. Immer!

Und darum soll es bei unserem nächsten Abenteuer gehen, ein Rundflug ist für uns gebucht, ein Rundflug über ein kleines Land namens Usommelig.

Bis zum Boarding!

Danke für Dein Schweigen, wo es nötig war.

DU weißt schon.

In Liebe

Deine Gerda

PS:  Liebe ist langmutig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die   Liebe treibt nicht Mutwillen..

(Solltest Du doch gerne reden oder Dir etwas von der Seele schreiben wollen? Du weisst, wie Du mich erreichen kannst.)

Eine Antwort auf „Die Insel Zelos – Dein Pfad des Schweigens!“

  1. Ich wünschte ich könnte die Worte finden, die es bedarf um das auszudrücken was ich gerade beim lesen dieser wundervollen Geschichte empfinde. Liebe Gerda, deine Worte treffen mitten ins Herz. Ich wünsche mir für jeden, der deine Zeilen liest, all die Wahrheit und Weisheit dahinter zu verstehen und bin soooo unendlich froh mit dir zu reisen. Dein Herzensblog … von Herzen für Herzen, du liebe Empathica.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.