Der 12. Dezember und ich immer noch ohne Schal!

Der 12. Dezember


Du liebe Seele

Heute stelle ich Dir jemanden vor, der gerade in dieser Adventszeit andauernd an meine Herzentür klopft, manchmal sogar hämmert.

Hochsensible Menschen werden regelmässig zu einem Tee oder Kaffee mit ihr genötigt. Lässt man sie hinein bis ins Wohnzimmer hat man gut zu tun, sie wieder loszuwerden, soviel hat sie zu erzählen.

Die Rede ist?

Natürlich von Misses Perfekt !!


Mein Schal ist nicht fertig geworden !  

Es ist schon eigenartig, daß ich, obwohl ich den letzten Jahren wirklich viel an mir, meinen Haltungen und Galubenssätzen gearbeitet habe, doch immer wieder auf die gleichen merkwürdigen Anfragen von Misses Perfekt quasi automatisch mit JA antworte, obwohl mein Geist und mein Körper definitiv und zu 100% NEIN meinen.

Was ist das für ein Programm, das da im Hintergrund scheinbar meinen Advent torpediert, denn so fühlt es sich an.
Hilfe!

Warnzeichen

Wenn ich nur die letzten sechs Wochen im Leben von mir mit dieser Lady im Nacken betrachte und diese Zeit mit den Augen meiner besten Freundin anschaue, würde ich mir laut und deutlich sagen:
„Sag mal Gerda, hast Du eigentlich einen Knall?“ Wem um Himmels Willen willst DU hier etwas beweisen? Ich höre ein kleines Wörtchen immer und immer wieder aus deinem Mund in diesen Tagen.
Es ist der unheilvolle und zutiefst stressender kleiner Zweiwortsatz.
Im Grunde genommen ist es gar kein Satz, mehr so ein Appell.
Nein, dieser Appell kommt nicht von aussen, also kein Mensch weit und breit, den ich für diesen Zustand verantwortlich machen kann.
Mist!!

Noch eben …

Dieses kleine, doch schwerwiegende Wortduett hat in den letzten Wochen einen festen Platz nicht nur in meinen Gedanken, auf die ich doch aufpassen wollte, Einzug gehalten. Nein, ich habe sie oft genug auch gesagt und nun kommt das Schlimmste .
Ich habe auch danach gehandelt. Noch eben dies, noch eben das.
Mit dem Erfolg, daß mein Körper mir schonmal den einen oder anderen Hinweis gesendet hat, den ich aber perfekt verdrängt oder ignoriert habe.
Die Sache mit dem Verdrängen oder Ignorieren von körperlich//seelischen Symptomen mag bei vielen (hauptsächlich Normalsensiblen) gut klappen. Ich kenne einige sehr liebe Leute in meinem Umfeld, die damit sehr gute Erfahrungen gemacht haben.
So weiter zu machen, als ob nichts weh tut, in der Hoffnung, daß es von alleine wieder verschwindet.
Ich muss an dieser Stelle zugeben, daß es wirklich klappt bei ihnen.
Scheinbar jedenfalls. Nur leider bei mir hat es noch nie geklappt.
Je mehr ich versuche einen Schmerz oder ein Symptom zu ignorieren, desto größer wird die Anspannung und die Intensität des Leidens.
Kommt vielleicht daher, daß ich selbst das Ignorieren von Schmerzen perfekt machen will.

Hilfe!

Doch nun zu meinem Schal.
Seit einigen Jahren unterstütze ich eine Bewegung einer großen Frauenzeitschrift, die zusammen mit einem humanitären Dienst Flüchtlingskindern hilft. Die Idee dahinter ist folgende:
Im November wird ein Schal entworfen und jeder der möchte, kann für diesen guten Zweck Wolle für eben so einen Schal erwerben und ihn voller stolz am 10.12. des jeweiligen Jahres tragen. Als Zeichen nach aussen: „Schaut doch mal, ich habe auch einen Schal gestrickt und setze mich für Flüchtlingskinder ein!“ Das was hier etwas zynisch rüberkommt ist natürlich vom Grundgedanke eine wunderbare Sache.
Alles, was Kindern nachhaltig hilft ist absolut ehrenvoll und immer zu unterstützen. Solange, ja solange dieser Schal, beziehungsweise die Wolle für diesen Schal einem selber nicht das Leben schwer machen.
Übrigens hätte ich auch einen fertigen Schal erwerben oder nur Geld spenden können. Aber nein:
Gerda strickt noch eben diesen Schal. Noch eben!
Normalerweise verschenke ich den fertigen Schal an gute Freunde oder an Menschen, die diese Art von Geschenke mögen.
Meine gute Freundin, die diesen Schal eigentlich letzte Woche schon haben sollte, weiß gar nichts davon, trotzdem haben mich diese Wollknäuel so gestresst.
Ich habe echt einen Knall, oder?
Der arme Schal, er hat bestimmt eine pränatale Belastungsstörung.
Ich wurde schon gefragt, ob stricken mir nicht helfen kann Stress abzubauen. Nun, im Normalfall vielleicht, aber in diesem Fall gar nicht.
Der arme Schal kann gar nichts dafür, die Frauenzeitschrift mit ihrer grandiosen Idee kann nichts dafür und die hilfebedürftigen Kinder schon gar nicht und meine Freundin auch nicht.

Gestern Abend kurz vor Mitternacht ist er fertig geworden. Mein Schal ist vollendet. Auch so einen hochsensible Marotte. Ich muss die angefangenen Arbeiten fertig machen, zu Ende bringen. Zum Abschluss kommen, am besten zum festgesetzten Zeitpunkt und ohne Fehler,  nach meinen Vorstellungen und meinen Ideen.

Ich bin nicht perfekt, niemand ist perfekt.
Misses Perfekt kann heute ihre vorerst letzte Tasse Tee bekommen und dann darf sie, so anregend und aufwühlend ihr Besuch mal wieder war, getrost zurück nach Hause gehen, durch welches Türchen ist mir egal, Hauptsache sie geht.
Dann werde ich noch eben das Teegeschirr abwaschen, noch eben staubsaugen, noch eben lüften, noch eben

Du liebe Seele,
heute lade ich Dich
und mich
ein, unser unperfektes,
doch liebenswertes
Leben als
Hochsensible Wesen
zu umarmen und anzunehmen.

Und ich?
Ich werde mir gleich noch eben einen Luftballon aufpumpen
und alle scheinbar lebenswichtigen Sachen darauf schreiben und ihn Misses Perfekt hinterherschicken.
Es ist ja nicht so, daß ich sie nicht mag. Sie gehört ja zu mir.
Nur zum Tee braucht sie mir hier die nächsten 14 Tage nicht auf die Matte kommen und das weiß sie genau.
Also, pass auf, wenn es bei Dir an der Herzentür klingelt .
Mein Rat ist, höchstens einen Stehcafe mit ihr zu trinken an der Tür,
lass sie nicht rein. Bleibe höflich, aber bestimmt.

Anhand dieses authentischen leider schmerzvollen aktuellem Beispiel habe ich Dir gezeigt, wie das Streben nach Perfektion Stress und Anspannung ins Leben von Hochsensitivchen bringen kann.
Erkenntnis sollte immer eine Veränderung der Lage nach sich ziehen.
Und das wird es in meinem Fall.
Mein Kalender für 2020, den ich natürlich schon seit Wochen zuhause habe, wird gleich eine Notiz bekommen, für nächstes Jahr, wenn die Anfrage kommt, ob ich nicht einen Schal für Flüchtlingskinder stricken möchte.

Bis morgen, da heißt es MAMA MIA, MARIA !!

In Liebe und Mitgefühl
für alle, die gerade
Tee trinken
mit Misses Perfekt!

Viel Erfolg beim Hinausbegleiten!

❣️Deine Gerda❣️

PS1:
Der Schal wird in den nächsten Tagen seinen Weg zum Hals meiner Freundin finden. Wenn ich ihn mir jetzt so anschaue:
Richtig gut geworden, fast perfekt.
Oder sollte ich noch eben die  letzen 10 Reihen nochmal aufribbeln,
da scheint mit ein winziger Dreher in der Maschenfolge zu sein.
Nein, Du lieber Schal, Du bleibst wie Du bist, genau wie ich.
Mit einem kleinen Knall und dem Hang zu einer guten Tasse Tee
mit Freunden und solchen, die es werden wollen.

PS2:
Gestern war der Tag des Weihnachtsmarktes, und was soll ich schreiben: Nach einer Stunde in Gesellschaft habe ich mich liebevoll aus der Runde verabschiedet, mir eine Brezel gegönnt und bin nach Hause gefahren, zufrieden und glücklich.

Habe keine Angst vor Perfektion –
                                                     du wirst sie ohnehin nie erreichen. 

Mit diesem Zitat von Salvador Dali wünsche ich Dir und mir ein Ankommen an der Krippe, die, und da wirst Du mir zustimmen,
alles andere als perfekt war, oder?

Und, by the way noch eben kurz: 
Wenn Du möchtest, könntest du mir noch eben einen Kommentar oder eine kleine Botschaft zukommen lassen, nur damit ich weiß, daß da draussen noch mehr Menschen sind,
mit diesem kleinen Adventsknall!

2 Antworten auf „Der 12. Dezember und ich immer noch ohne Schal!“

  1. ☺☺☺☺☺
    liebe Gerda
    eben noch ( „Emdenerisch“ )
    herzlichsten Dank …..
    „pränatale Belastungsstörung“….
    so gerne würde i c h eben noch auf einen Tee ? bei dir reinschauen
    ❤ Gudrun

  2. Liebe Gerda ich kann deine Worte so nachvollziehen auch ich hatte früher immens oft besuch von misses perfekt und viele Dinge die ich gschwind noch erledigen sollte. Misses perfekt treffe ich heute nur noch selten aber so ein paar Dinge zum gschwind erledigen hab ich noch ❣️versuche aber immer häufiger das gschwind wegzulassen ❣️

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