ABER, ABER – Zuhause ist es doch auch schön! Oder?

 

Hallo Du liebe Seele

Was haben wir eigentlich die letzten dreizig Jahre gemacht?

Diese Frage hat mein Mann mir vorgestern beim Frühstück gestellt.
Wir sind im Urlaub, vor den Toren Groningens mitten in der Natur umgeben von Feldern, Wiesen, Seen und einem romantischen Blick vom Balkon unseres herrlichen Doppelzimmers mit Kamin, Boxspringbett und Badewanne.
Das Frühstück ist herausragend und die Umgebung ein Traum.
Urlaub !
Urlaub sollte sich eigentlich komplett vom Alltag unterscheiden.
Schade, daß die Hohe Sensibilität und Veranlagung des Mitfühlens auf allen Kanälen keinen Urlaub machen, sondern mit hier her gekommen sind. Sie gehören zu mir wie mein rechtes Ohrläppchen oder mein linker kleiner Zeh. Vielleicht empfinde ich deshalb diesen Urlaub zu dieser Zeit an diesem Ort mit meinem Mann so ausserordentlich – gesegnet.
Doch nun zurück zur Frühstücksfrage:


Wo war ich eigentlich die letzten 30 Jahre meines Lebens ?
Zu Hause !!

Ein Vater von zwei Söhnen

Kennst Du die Geschichte vom verlorenen Sohn aus der Bibel?
Sie steht in Lukas 15, 11-32.
Ein Vater hatte zwei Söhne, einer wollte hinaus in die Welt und forderte sein Erbe, der andere blieb zuhause. Der erste hatte bald alles verbraten und landete bei den Schweinen (die für sein Volk die alllerletzten Tiere in der Nahrungskette darstellten) Also er, zwischen diesen unsagbar elenden Schweinen, fasst sich ein Herz und macht sich auf den Heimweg. Den Arbeitern seines Vaters gehe es ja besser als ihm. Also gesagt, getan, nach Hause gelaufen, der Vater rastet aus, läuft ihm entgegen, big Party. Alles jubelt. Endlich, der Sohn ist wieder da. Alles jubelt und feiert. Erleichterung, Freude bei allen.
Bei allen?

Nein, nicht bei allen.
Der ältere Sohn ist wie immer auf dem Feld, als er etwas von der lauten Partymucke und dem riesigen Getöse mitbekommt. Er traut seinen Augen und Ohren nicht, als er den jüngeren Bruder im besten Zwirn und geschmückt wie ein König fröhlich trällern am besten Mastkalb knabbern sieht. Und was funkelt da an seiner Hand? Vaters Ring?
Alles jubelt und feiert. Erleichterung, Freude bei allen.
Bei allen?

Wenn Du wissen willst, wie es weiter geht, bleib bei mir, wir schauen uns das ganze Festgetue aus der Nähe an.

Ich kann Dir nicht sagen, wie verloren der Sohn war, der von zuhause weggegangen und einfach mal (sorry) die Sau raus lassen wollte. Solche Gedanken sind mir bis heute völlig fremd. Ich hatte nie im Leben solche Gedanken oder Ideen.

Ich weiß auch nicht, wie der Vater sich gefühlt hat, als sein Kleiner plötzlich das Erbe haben wollte, um es zu verprassen. Er konnte ihn nicht an seinem Vorhaben hindern.
Über die Mutter erfahren wir nichts.
Er wird seine Gründe gehabt haben, ihn laufen zu lassen. Vielleicht wußte er, daß er irgendwann schon wieder angekrochen kommt, obwohl aus der Geschichte hervorgeht, daß er ihn für tot gehalten hat.
Traurig war er bestimmt und verletzt.

ABER,  ABER da war ja noch der andere, der ältere Sohn, der würde sicher bleiben um dem Vater beizustehen, die Arbeit zu machen und bei ihm bleiben. Der war vernünftig und verantwortungsvoll.

Spätestens an dieser Stelle sollten Dir einige Leutchen einfallen, die immer wieder abhauen und Mist bauen oder Menschen, die immer wieder solchen Chaoten verzeihen und sie wieder in ihr Leben lassen. Wie oft schütteln wir den Kopf, wenn wir so etwas hören oder selber betroffen sind.
Der verlorene Sohn ist also wieder da, der Vater rennt ihm entgegen, sie fallen sich um den Hals und schmeißen eine Fete, die sich gewaschen hat.

Der Andere 

Für mich gibt es in diesem Gleichnis mindestens noch einen verlorenen Sohn und mit dieser Art Verlorenheit kann ich mich sehr gut identifizieren.
Zuhause sein, für die Familie da sein, Verantwortung übernehmen,
Kinder erziehen und pflegen, immer da sein, wenn jemand Hilfe braucht.
Der ältere Sohn war die ganze Zeit an der Seite des Vaters, an der Seite des Mannes, der gerade seinen jüngsten Sohn an die Welt da draussen verloren hatte, ja, ihn sogar für tot erklärte.
Zuhause sein und zu bleiben, wenn andere (einfach) abhauen, ist nicht leicht. Auch wenn man es sich noch so wichtig und schön redet.

Wo waren wir eigentlich die letzten dreizig Jahre?

An diesem Sommermorgen im Urlaub bei einem unfassbar gesunden und herrlichen Frühstück saß ich da, wie geschockt …
Um Zeit zu gewinnen, nippte ich erstmal sehr lange an meinem frischgepressten Orangensaft und dachte nach.
Auf diese Frage gab es keine einfache Antwort, soviel war schon mal klar.

Im Hintergrund lief leise Musik und irgendwie hörte ich die Melodie, dann die Worte, die zu Bildern wurden und mich so erwischten,
dass ich anfing zu weinen.
Na super, zweiter Urlaubstag und Gerda heult schon wieder.
Typisch, hochsensibel.

Was ich hörte und im Herzen verstand  war so etwas wie:
“Meine Arme sind offen, ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, ich kann es nicht ungeschehen machen, meine Liebe, was geschehen ist, auch wenn Du denkst, Du schaffst keine Runde mehr und jede Tür, durch die Du gehen willst, scheint geschlossen zu sein …“

MEINE ARME SIND OFFEN !

Als ich mich nach Minuten etwas beruhigt hatte, keine Angst, ich hab nur etwas geweint, nicht geschnuckert oder so, also da wurde mir etwas klar.

Eine einfache Frage von meinem lieben Mann, der seit weit über dreizig Jahren mit mir hochkomplexen manchmal so chaotisch denkendem Wesen durch alle Tiefen und Abgründe meiner Seele geht und mir nicht von der Seite weicht, egal wie groß das Drama gerade mal wieder erscheint, hatte einen lang verdrängten Schmerz oder eine unerfüllte Sehnsucht derart an die Oberfläche katapultiert, das die Klarheit nach diesem emotionalen Morgentief umso heller und deutlicher wurde.

Beide Söhne oder Töchter sind auf ihre Art verloren, weil sich beide von ihrem liebenden Vater abgewandt haben. Der erste innerlich, der zweite äußerlich. Beides ist zutiefst zu betrauern und zu bedauern.
Die Zeit dieser kleinen Familie war auch verloren, zunächst zumindest.

Wieviele Freundschaften oder Beziehungen, Ehen oder Lebensgemeinschaften dienen nur noch dem Selbsterhalt?
Ohne Feuer, Leidenschaft oder Liebe?

Der ältere Sohn hätte die ganze Zeit alles haben können, was dem Vater nach dem Austeilen des Erbes an den Bruder noch geblieben ist.
Er konnte es nicht. Er hat es für sich nicht nehmen können, aus welchen Gründen auch immer. Es gibt Zeiten, da fühlt man sich mitten in der Familie verloren, von innen verloren. Man ist zwar physisch anwesend, aber ist nicht in der Lage zu einem Miteinander.

Kennst Du das auch?
Mittendrin und doch verloren?

Der jüngere Sohn hat die Verbindung nach Hause nie verloren, er wußte in seinem Herzen, daß er zurückkommen kann und geliebt werden wird. Sein Selbstbewusstsein hat ihm geholfen, überhaupt erst in die große Welt zu gehen und sich auszuprobieren. Du kannst weit weg sein und doch aufs innigste verbunden bleiben. Das erlebe ich mit einigen Herzensmenschen über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Und wenn man sich dann und wann trifft, ist es, als sei es gestern gewesen, dass man sich getrennt hat.

Kommt Dir das bekannt vor?
Weit weg und doch mittendrin?

Unser Urlaub begann mit einem Knall, denn uns wurde bewußt, daß wir die allermeisten Jahre aus menschlich gut verständlichen Gründen unsere Urlaube entweder Zuhause und in allernächster Nähe verbracht haben. Das lag eindeutig und völlig nur an mir. An meinen Bedenken, daß etwas schief gehen könnte oder jemand krank werden würde oder oder oder …

ABER, ABER – zuhause ist es doch auch schön.

Ja ist es.
Ich werde gerne gebraucht und bin immer gerne für alle da und übernehme Verantwortung so gut ich kann. Jedoch nicht im Urlaub, denn der sollte sich wirklich vom Alltag unterscheiden. Ein besondere Zeit im Jahr um neue Kraft zu tanken und Zeit zu haben, für sich und für einander.

My arms are open“ gilt für beide.
Für die Abenteurer und für die Treuen, für die Reisenden und die Bleibenden.
In offene Arme zu laufen ist manchmal nicht so leicht und dabei ist die Entfernung zweitrangig.

Ebenso jemanden mit offenen Armen zu begrüßen, der so aussieht, als könnte er es gebrauchen, es aber anscheinend nicht verdient hat, ist auch nicht leicht. Manchmal lebt er oder sie seit Jahrzehnten an Deiner Seite und wartet sehnsüchtig auf Dich und Deine offenen Arme.

Eins ist uns klar, die nächsten dreizig Jahre werden wir unsere Urlaube nich zuhause verbringen, sondern an Kraftorten wie diesem.
Mit gutem Essen, viel Ruhe, Natur und kleinen Städtchen mit schönen Bummelmöglichkeiten, dem Meer in Reichweite und dem Lieblingsmenschen an meiner Seite.

Das finde ich wunderbar.

Was ich hier über den Roten Teppich, Umweltfreundlichkeit, Energiearmbänder bei HSP-Kids, Schokolade am Block und vegane Kleidung, über Wegentscheidungen und Radrennfahrer und Monchous  gelernt habe, erfährst Du später.

Für heute
grüße ich Dich
von ganzem Herzen,
egal ob Du da bist oder weg.
Verloren oder gefunden,
eine Umarmung suchend oder anbietend …

Wo wir gewesen sind oder nicht, ist nicht mehr zu ändern. Das ist Vergangenheit und vorbei. Heute ist alles, was wir haben.

ABER, anscheinend liegt da eine wundervolle Welt vor uns, die erlebt und erliebt werden will, für diejenigen, die sich trauen.
Lasst uns die Gegenwart schon mal geniessen, oder?

Deine Gerda

 

PS:
Das Lied heißt : „Arms open“ von The Script.

Eine Antwort auf „ABER, ABER – Zuhause ist es doch auch schön! Oder?“

  1. Ohhh ja, es liegt eine wundervolle Zeit vor uns…. die erlebt und erliebt werden will. Genau das ist mein Gefühl…. und es beginnt in unserer Gegenwart. Deine Worte gehen direkt in meine Mitte. Und ich liebe deine Wortkreationen.
    Lasst uns die Welt erlieben !!!

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