ABER, ABER – das sieht doch jeder, was da los ist!

Ein Vorurteil ist schwerer zu spalten als ein Atom“

Hallo Du liebe Seele,
mit diesem Zitat von Albert Einstein, der wirklich Wissen über Atome und noch mehr Erfahrungen mit Vorurteilen sammeln durfte, grüße ich Dich zu einem neuen ABER, ABER – Beitrag.
Als Mensch mit feinen Antennen hast Du bestimmt auch immer sofort eine Ahnung wie die Menschen ticken, oder?
Meinst Du auch, Du hast den Durchblick?
Bist Du ein Meister im Schubladendenken?
Kannst Du Dich immer auf Dein Urteil verlassen?
Reflektiert, neugierig, ohne Klischeedenken oder Verallgemeinerung?
Dann ist dieser Beitrag wohl nichts für Dich.

Doch solltest Du daran interessiert sein, wie Vorurteile wirken und echte Begegnungen verhindern , nehme ich Dich gleich mit in echte reale Lebenssituationen.


Ich oute mich heute als die Lady aller Vorurteile, als die Checkerin,
die meint, sie hätte den Durchblick.

Camping ist nichts für mich!

Das habe ich bis vor 10Jahren jedem glaubhaft geantwortet, der mich für diese eigentümliche Art Urlaub zu machen, begeistern wollte.
In meiner Kindheit gab es gemeinhin eine klare Meinung über Camper, die nicht positiv war. Hotten-Totten und verwahrloste Kinder, Essen aus der Dose, faul in der Sonne liegen und Abends dann Party.
Rundliche Männer mit Doppelrippunterhemd und Bierdose in der Hand, am besten noch mit Goldhalskettchen. Hausfrauen ausser Rand und Band mit Lippenstift und Plüschpantoffeln, eine Dose Ravioli öffnend.
Und die Kinder, ausser Kontrolle, den ganzen Tag unterwegs, ohne Zähneputzen und lauter ungesunde Snacks naschend. Abends zügellose Feten.
Das war mein Bild, genauer gesagt das Bild meines Umfeldes ,über Camping.

Spontan:  Was denkst Du über Camping?

Zu meiner großen Freude und zum Glück für meine kleine eigene  Familie sind wir vor ein paar Jahren zu echten Campern geworden. Wie es dazu kommen konnte? Echte Herzensfreunde, mit denen wir seit Jahrzehnten unser Leben samt etlichen Höhen und noch mehr Tiefen teilen dürfen, haben uns liebevoll den Weg zu echtem Camping gebahnt und das war sehr weit von meinem Bild, dass ich über Jahre im Kopf hatte, entfernt.
Was in den letzen Jahren mit mir als Mensch, mit uns als kleinen Familie und mit einzelnen Familienmitgliedern an Gutem und Wertvollen, allein durch das Campen wiederfahren ist, würde Bücher füllen.

Wir haben alle an Selbstvertrauen, Offenheit, Naturliebe, Seelentiefe und Immunabwehr gewonnen – alleine durch das Campen.
Klarheit über Lebensfragen, neue Hobbies, neue Freunde, neue Ansichten – alleine durch das Campen.
Danke ihr Herzensfreunde!!

Freunde zu haben ist ein Geschenk,
echte Freunde zu haben ist Familie.

Mittlerweile sind wir zu echten Dauercampern herangewachsen und
auf unserem Campingplatz gibt es in den Sommermonaten regen Urlauber-Wechsel zu beobachten. Das ist spannend, denn so lernt man immer wieder unglaublich interessante Leute kennen und diese Menschen, wenn sie möchten, uns.
Ein wahres Paradies um Vorurteilen zu begegnen und sie auf einen Tee ins Vorzelt einzuladen.
Bist Du dabei?

Die Dauercamper:

Dauercamper haben, wie das Wort schon ahnen lässt einen Dauerstellplatz, einen der schönsten am Ort meistens, oft waren die Großeltern auch schon Dauercamper. Sie mähen ihren Rasen und verbringen jedes freies Wochenende in ihrem Idyll. Manchmal ist der Dauercampingplatz fast so etwas wie ein zweiter Wohnsitz.
Dauercamper sind zutiefst überzeugt vom Standort und schwärmen bei den Ziehern (Kurzzeitcamper) über die fantastische Umgebung und die vielen Freizeitmöglichkeiten. Sie sind Camping-Experten und haben immer Werkzeug für alle Campingunzulänglichkeiten, einen festen Boden im Vorzelt, ebenso einen  Kühlschrank , man munkelt ,einige sollen sogar einen Keller haben.
Dauercamper sind sehr hilfsbereit, sie haben Dosenöffner, Toilettenpapier, und Aspirin, was sie gerne alles ausleihen, und sollte es irgendwo ein Problem geben mit der Einstellung der Sattelitenschüssel, dem Mover, oder einer Alarmanlage, die einfach nicht still sein will, wissen Dauercamper gewiss Rat und helfen gerne immerzu  mit herzlicher Tatkraft.
Mancher Dauercampingplatz gleicht einer kleinen Festung. Inklusive Geranien und Fahne, diverse Anbauten und Umzubauten laden zu einem Suchspiel nach dem eigentlichen Wohnwagen ein.
Und ja: einige haben wirklich den ein oder anderen Gartenzwerg auf ihrem Platz. Wie haben keinen Gartenzwerg, aber eine Fahne, die gehisst wird, sobald wir DA sind. Wir sind Dauercamper.
Wir haben den Überblick, was gerade los ist auf dem Platz.

Gruftis auf dem Campingplatz

Eines Morgens, ich kam gerade mit meiner roten Mickeymouse-Tasche  aus dem Waschhaus, da sah ich ihn, diesen riesigen Jeep mit dem  düsteren Wohnwagen inklusive diesen merkwürdigen Leutchen in schwarzer Kleidung auf unserem Platz ankommen. Gruftis.
Hatte ich da ein Pentagramm an der Heckklappe des Autos gesehen?Hilfe! Eine schwarz-weiße Flagge mit Totenschädel ziert ihre Frontscheibe. Und: oh nein, ein Grablicht auf dem Campingtisch?
Das ist ja unerhört. Sind die tätowiert? Und die rauchen echte Zigaretten? Ein Aschenbecher, der aussieht wie ein Rinderschädel?
Gruftis auf dem Campingplatz!
Das gibts doch gar nicht.

Ich weiß noch, daß ich fast einen meiner Flip-Flops im Matsch verloren hätte, so entsetzt war ich über diesen Anblick, schnappatmend kam ich bei unserem Wohni (so nennen wir unseren Wohnwagen liebevoll) an.
Auf unserem Campingplatz in der Nähe des Spielplatzes stehen also Gruftis. Schwarze Leute, Satanisten, die machen bestimmt Blutorgien oder Schlimmeres.  Und unsere Kinder? Hilfe. Ich war ausser mir.
Wer hat die hier auf den Campingplatz gelassen? Wir sollten sofort die Christen zusammenrufen. Unerhört.

Kommt Dir da irgendetwas bekannt vor? Aufgrund Deiner Prägung, Deiner Erziehung, Deines Weltbildes, Deines Glaubens oder dem Mainstream, machst Du Dir in Sekunden ein Bild von Menschen?

Ich? – ja!
Und das Problem daran ist, daß ich schnell Gleichgesinnte fand und wir uns sehr fix einig wurden: Diese Leute werden wir in sicherem Abstand im Auge behalten. Was haben wir uns ereifert und aufgeregt. Und auch etwas gegruselt.

So ging das einige Tage lang. Bis – bis ich wieder einmal aus dem Waschhaus kam, (Camper waschen sich – wirklich) diesmal war es Abends und meinen Augen nicht traute. Frau Grufti lag im Wohnwagen, und schaute fern. Herr Grufti saß vor dem Wagen im Schein seines Grablichtes und …

An dieser Stelle schäme ich mich immer noch etwas:

Frau Grufti lag im Wohnwagen und schaute eine Serie, wo Agrarringengieure weibliche Lebensgefährtinnen finden möchten,
und Herr Grufti saß vor seinem Wohnwagen, trank Bier aus einem Plastikbecher und löste kopfkratzend ein mittelschweres Sudoku.

Da konnte ich nicht mehr; ich musste so von Herzen lachen über mich und meine Beschränktheit. Da habe ich ihn angesprochen und man lese und staune, er hat mir auch geantwortet.

Was soll ich schreiben ?
Diese Leutchen waren die spiessigsten freundlichsten und nettesten Camper, die ich je getroffen habe. Sie waren auch keine Satanisten, im Gegenteil wollten sie wissen, ob die kleine Dorfkapelle im Nachbarort eine offene Kirche sei.

Ich habe mich an diesem lauen Sommerabend noch sehr lange mit dem netten Herrn unterhalten, zwischendurch kam seine Frau aus dem Wagen und reichte Gürkchen aus dem Glas und luftgetrocknete Salami. Auch sowas von freundlich mir gegenüber. Es sei gerade Pause bei ihrer Lieblingssendung, sie würde immer so mitfiebern und sei froh, daß sie ihren Schatz vor zwanzig Jahren geheiratet hätte.

So wurden in einigen Minuten des ehrlichen Interesses aus bluttrinkenden Satanisten die nettesten christlichen Camper des Platzes. Ich hab ihnen dann gleich eine komplette Ausführung über den schönen Ort gegeben und sie für den nächsten Tag zum Tee eingeladen. Und was das Grablicht betrifft?
Sie wussten es nicht, sie erstanden es beim Einkauf und fanden das rote Schimmerlicht schön. Ohne Witz!

memo an Gerda:
nicht überall wo Grufti drauf steht, ist auch Grufti drin und
nicht jeder mit einem Fisch am Auto ist ein feuriger Christ!


Ökobiologische  Zuckerfeinde auf dem Campingplatz

In einem anderen Sommer haben wir eine reizende Survival-Camper-Truppe kennenlernen dürfen, deren Kinder sich von Reiswaffeln und bioökologischen Gemüse und Obst ernähren durften. Nach einigen Tagen machten sich die Großen auf den Weg in die Umgebung und liessen ihre entzückenden Kinder bei uns in Obhut. Da passiert uns ständig. Wir lieben Kinder, aber auch Brötchen mit Nuss-Nougatcreme.
Ich durfte von diesen kleinen Wesen soviel über Pestizide und schlechtem Getreide, Bakterien in Fleisch und über das größte Gift der Erde, nämlich Zucker lernen. Wow.
Kleiner Einschub: wir sind Flexitarier. Alles was schmeckt wird bei uns in Maßen genossen. Im Urlaub auch gerne Kuchen und Fleischiges.

Du kannst Dir nicht vorstellen, was bei uns im Vorzelt los war.
Ich fühlte mich schuldig, hatte ich über Jahre meine Kinder und meinen Mann vergiftet. Den Regenwald zerstört und Tiere umgebracht.
Unsere neuen Campingnachbarn sind uns wirklich ans Herz gewachsen, besonders die Kleinen. Und obwohl sie mich für die Gummibärchen, die unser Sohn essen durfte, verachteten, kamen sie immer wieder und blieben .
Leider erschien uns diese Art des Lebens, immer in Angst vor dem, was im Essen versteckt sein könnte, nicht sehr attraktiv. Diese Kinder wirkten sehr unglücklich und für mich als Mama auch entschieden zu dürr. Hibbelig und unausgeglichen.
Beim Campen kommt man sich echt nahe, so auch hier. Zwei großartige junge Frauen in der Heilpraktikerausbildung, die so sehr alles richtig machen wollten, weil sie, wer weiß wem, etwas zu beweisen hatten.
Das war eine besondere Zeit mit herzlichen Gesprächen und vielem Lernen über schwierige Familienkonstellationen, über den Druck alles richtig und gut machen zu wollen, und das alles alleine.
Alleinerziehende Eltern sind Helden, soviel steht schon mal fest.

So wurde in vielen Stunden  ehrlichen Interesse aneinander  aus einer ökobiologischen Zuckerhasselite, eine Truppe entspannter zauberhafter Menschen, die am letzen Abend ihres Urlaubes echte Bratwürstchen von unserem Lieblingsschlachter und (das war mein Highlight) geröstetes Stockbrot aus Weizenmehl mit Zimtzucker und Apfelkompott verputzen und es sichtbar grinsend geniessen konnten.
Im Gegenzug  dazu haben wir durch sie unsere Ernährung kritischer beleuchten können und einen veganen Wein kennengelernt.
Die Beleuchtung war eher ein Spotlight, aber den Wein mögen wir immer noch sehr gerne.

Ich denke noch oft an diese zutiefst aufrichtigen Menschen, die alles richtig machen wollen und im ganzen Bemühen darum, vergessen hatten zu leben.

memo an Gerda:
nicht überall wo Öko drauf steht ist auch ein glücklicher Öko drin und
nicht überall wo Getreide oder Kohlenhydrate drin sind lauert der Tod.

Kennst Du auch Menschen, bei denen sich alles um die Ernährung dreht, fast schon religiös? Sie erzählen einem, auch ungefragt, was alles ungesund ist? Was man alles nicht essen sollte?
Ich schreibe hier ausdrücklich nicht von Leuten mit Allergien oder Unverträglichkeiten. Ich schreibe von Menschen, die sich jeden Genuß verbieten, aus lauter Angst krank zu werden. Wie in allen Lebensbereichen ist es das Maß, was die Lebensqualität ausmacht.
Und an die Veganer unter uns: Ihr habt meine absolute Hochachtung und ich verneige mich vor Eurer Haltung den Tieren gegenüber.
Ihr habt eure Art zu leben gefunden – und ich meine.
Von meiner veganen Challenge, die im Klinikum endete, schreibe ich später.

Es gibt noch viele Geschichten von Konfrontationen mit Vorurteilen auf dem Campingplatz. Da sind die Surfer, die, bis sie dann mal los kommen, eine Unmenge an Utensilien verstauen, sich bei 30° in ihre Neoprenanzüge quetschen … Herrlich.
Oder die Tierfreundecamper, die ein ganzes Arreal für ihre Lieblinge einzäunen und den ganzen Tag mit ihren Leckerlibeuteln umhergehen.
Die Rad/Boot/Feiercamper, die einsamen Alleincamper oder die ganze Abschlussklasse, die von ihren Eltern auf den Zeltplatz gebracht werden.

ABER, ABER – das sieht doch jeder, was da los ist.

Vielleicht auf den ersten Blick, auf den zweiten ehrlich interessierten Blick können kleine Wunder geschehen. Menschen werden in die Lage versetzt andere Lebensmodelle zu erleben und ihre eigenen zu überprüfen.
Ich habe überhaupt keinen Durchblick, den brauche ich auch gar nicht, denn ich möchte nicht durch Menschen durchblicken, dann träfen meine Augen ja ins Leere.
Ich schaue mir die Menschen lieber an, sehe in ihre Herzen und glaube mir:
Was ich da zu sehen bekomme unterscheidet sich zu 100 % von dem, was ich dachte zu sehen.

Vorurteile zu spalten, ist mit enormer Kraft verbunden, wie glücklich bin ich, wenn mir jemand sagt, dass er sich in mir getäuscht hat.
Den Wesenskern eines Menschen zu entdecken heißt, ich lege meine vorherigen Urteile kurz zur Seite und lasse mich überraschen.

  In diesem Sinne
wünsche ich Dir
eine vorurteilsfreie
Sommerzeit

 

Deine
Gerda

 

 

Übrigens kannst Du Vorurteile überall auf Reisen finden.
Im Hotel, am Strand, auf dem Kreuzfahrtschiff oder wo immer Du sonst Deine arbeitsfreie Zeit verbringst.

PSI:
ab morgen findest Du unsere Flagge in der Luft zwischen all den anderen Flaggen der Camper auf dem Campingplatz am großen Meer, und hier findest Du den Gruß aus meiner Herzensmitte zu Woche 12.

                                             Das größte ABER ist die Liebe 

PSII: Gegen einen Hund war ich auch mal…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.