ABER, ABER – das ist alles meine Schuld!

ABER, ABER- das ist alles meine Schuld.

Hallo Du wertvolle Seele,

heute möchte ich Dir eine Eigenschaft von hochsensiblen Menschen oder Empathen vorstellen, die ohne Integration und Annahme zu viel Leid und Kummer führen kann.
Es geht um die unbewusste Übernahme von Schuld und Verantwortung.

Wenn Du hochsensibel geboren bist, hast Du eine hochentwickelte Intuition, die wunderbar ist. Wenn Du sie Dir nicht abtrainiert hast, oder sie Dir durch Erziehung und Außendruck genommen wurde.

Entschuldigung?

Entschuldigung ist eines der Hauptwörter im Sprachgebrauch hochsensitiver Menschen.
Das kann zuweilen merkwürdige Formen annehmen, denn nicht selten entschuldigen wir uns für etwas, was wir gar nicht getan haben, nur damit Ruhe in die Situation kommt.
Verantwortung zu übernehmen für meine Fehler ist gut. Zu viel Verantwortung für andere zu übernehmen, ihre Fehler zu entschuldigen und die Folgen auf mich zu nehmen, ist nur bedingt förderlich.

Durch die feine Wahrnehmung von Stimmungen im Umfeld konnte ich schon sehr früh ein Gespür dafür entwickeln, wann es jemandem nicht gut ging. Und da mein Instinkt auf grenzenlose Harmonie gepolt war, tat ich alles dafür, diese zu bekommen. So fühlte ich mich schon als kleines Mädchen schuldig und verantwortlich, wenn es meiner Mama oder jemand anderen, den ich liebte, scheinbar schlecht ging. Leider kann ein kleines Kind seine Eltern nicht immer glücklich machen, schon gar nicht, wenn es an ihrem Unglück gar nicht beteiligt ist.
Die Übernahme von Schuldgefühlen trägt tragischerweise nicht selten zu Minderwertigkeit in Form von Verlust des Selbstvertrauens bei.
Wenn dann noch die Sehnsucht nach einer perfekten heilen Welt besteht, können auch Selbstverurteilung und Selbstablehnung ihren Weg in das heranwachsende Wesen finden.
Keine Familie ist perfekt. Gott sei Dank.
Als Jugendliche habe ich mich besonders für Märtyrer interessiert. 1997,  als Lady Diana und Mutter Theresa gestorben sind, war ich untröstlich, meine Vorbilder für moderne Märtyrerinnen habe ich so verehrt.

Schuldgefühle

Hast Du mal darüber nachgedacht, wie paradox diese ganze Schuldsache ist? Es gibt unschuldige Opfer mit tausend Schuldgefühlen und tausend schuldige Täter ohne ein einziges davon…

Hochsensible Menschen wie ich neigen dazu, sich ganz schnell zu entschuldigen, die gesamte Verantwortung und Schuld auf sich zu nehmen. Das mag ja heldenhaft klingen, verbirgt jedoch Risiken.
Menschen, die sich vorschnell für alles mögliche entschuldigen wirken auf Dauer unecht, da sie sich gefühlt überhaupt keine Zeit nehmen, darüber nachzudenken, was sie falsch gemacht haben, geschweige denn, was sie der anderen Person angetan haben. Wenn die Zeit zum nachdenken fehlt, kann das Schuldbewusstsein nicht sehr tief gehen, und die Chance auf echte Wesensänderung wird vertan.
Kennst Du solche Leute?
Mir scheint eine ernstgemeinte und durchdachte Entschuldigung für beide Seiten viel wertvoller. Adhoc Entschuldigungen hinterlassen oft einen merkwürdigen Beigeschmack, weil dem Gegenüber meistens das Mitgefühl oder die Reue fehlen.
Das ist das eine Extrem.

Ich habe lange Jahre unter dem anderen Extrem gelitten, und damit nicht nur mich, sondern auch viele Menschen die Chance zum Wachstum geraubt. Das ist etwas, was wirklich von Herzen bereue und mir ehrlich Leid tut.

Also, an dieser Stelle:
Bitte vergebt mir, alle da draußen, dass ich für euch die Verantwortung übernommen und mich als Sündenziege zur Verfügung gestellt habe. Das war nicht richtig, und tut mir leid. Sorry!

Was mir gar nicht mehr leid tut

Ich entschuldige mich jedoch gar nicht mehr für

  • das Wetter
    Stellt euch nur mal vor, wenn es zu einer Hochzeit geregnet oder zum Ostereiersuchen geschneit hat, habe ich mich entschuldigt. Ernsthaft, wie wichtig muss man sich nehmen , um sich für das Wetter verantwortlich zu fühlen. Ich bin keine Wetterfroschfrau.
  • das Zuspätkommen anderer
    Wenn es bei früheren Verabredungen  mehrerer Menschen immer dieselben waren, die zu spät gekommen sind, habe ich sie vor allen immer wieder in Schutz genommen und mir alles Mögliche ausgedacht, was der Grund für die Verzögerung sein könnte. Heute empfinde ich so ein Verhalten als respektlos denen gegenüber, die alles dafür getan haben, um pünktlich am Treffpunkt zu sein. Ich meine nicht den einmaligen Stau oder die Zugverspätung. Hier ist die Rede von denen, die immer zu spät sind.
    Sorry, ihr Lieben, fahrt einfach 10 Minuten eher los.
  • die Torte und die Suppe
    Jahrelang habe ich mich für überwürzte Suppen, matschige Torten, zähem Grillkäse und Gräten in praktisch grätenfreien Fischstäbchen entschuldigt. Für Gnirsel im Geflügel und für Fett im Hack.
    Sogar bei teuren Delikatessen aus dem Feinkostladen habe ich mich bei meinen Gästen entschuldigt, wenn sie ihren Geschmack nicht getroffen haben. Geschmäcker sind verschieden.
  • das Zusammenprallen
    Auf einem Zebrastreifen oder an einer Ampel geschieht es ja hin und wieder, dass zwei Menschen zusammenprallen. Wenn mich also jemand angerempelt oder fast umgeworfen hat- na? Klar, habe ich mich entschuldigt. Ohne Scherz! Heute sage ich:  „ Go mi taud Pad ut“
  • das Fehlverhalten
    Solange ich zurückdenken kann, habe bis zur letzten Minute immer eine Verteidigungshaltung eingenommen, für Menschen, die offensichtlich und für alle erkennbar richtig Mist bauen. Menschlichen Mist im Umgang mit anderen, oder mit sich . Wenn die meisten schon weit weg von dieser Person waren, ich war noch da, und habe sie bis aufs Blut verteidigt. Heute weiß ich, dass hochsensible Menschen zu großer Loyalität fähig sind. Prinzipiell nicht schlecht, nur darf die Selbstachtung und das Selbsturteil nicht darunter leiden. Niemals.
    Hier möchte ich das Stichwort CO-Abhängigkeit bringen…
  • die Unhöflichkeit
    Menschen können unhöflich sein. Manche kommen vielleicht sogar grummelig auf die Welt. Ich neigte dazu, selbst die unhöflichsten und arrogantesten Typen, seien es Arzthelferinnen, Verkäuferinnen, Nachbarn oder Lehrer in Schutz zu nehmen und alles zu bagatellisieren, selbst wenn andere mir von abwerteten und diffamierenden Erlebnissen erzählten, die ich selber auch erlebt hatte. Schlimm, oder?
    Auch wenn ich Sorgen habe, kann ich freundlich sein, gerade wenn ich in einen Serviceberuf arbeite. Ansonsten rate ich dringend zu einem Jobwechsel.
  • die Inkompetenz
    Als feinsinniger Mensch mit einem hohem Körperbewussstsein  bin ich in der Vergangenheit immer wieder an Mediziner geraten, die mich nicht ernst nehmen wollen konnten, weil entweder die diagnostischen Mittel nicht reichten, oder sie schlichtweg inkompetent waren. Durch etliches ärztliches Fehlverhalten habe ich leider lange Schmerzperioden durchleiden müssen,  mit unabwendbaren Spätfolgen.
    Erst am Tag, als ich erfuhr, wie furchtbar diese Fehlbehandlungen waren, konnte ich zumindest gedanklich die Verantwortung an den Arzt zurückgeben. Solange dachte ich, es läge an mir, dass es mir nicht besser ging, und habe ihn überall verteidigt. Heute suche ich für mich sorgsam die besten Fachärzte , wenn möglich ganzheitlich arbeitende. Dafür fahre ich mehrere Hundert Kilometer im Jahr, mit Freude, damit ich bald wieder richtig lachen kann. Ärzte sind  Menschen, sie machen Fehler, und tragen die Verantwortung dafür.
  • die Missachtung
    Es gibt für hochsensible Menschen immer ein Spannungsfeld zwischen dem was ist ,was sie, und was andere wahrnehmen.
    Einige von uns sind mit feinsten Sinnesorganen ausgestattet. So wurde mir als Kind und Jugendliche immer wieder die Rückmeldung gegeben, ich wäre falsch, wäre nicht richtig, würde übertreiben… Das habe ich bis spät in die Dreißiger immer und immer wieder entschuldigt, mit dem Argument, dass ältere oder gebildetere Menschen mehr Wissen und mehr Lebenserfahrung haben. Ständig habe ich mich in Frage gestellt. Das ist Vergangenheit. Wenn heute jemand meinen Eindruck zu einem Ereignis hören möchte, sage ich ihn. Ansonsten stehe ich für Missachtung und Bevormundung meiner Person und meiner individuellen Art nicht mehr zur Verfügung.
    Natürlich habe ich in den letzten Jahren gelernt, an den richtigen Stellen, z.B. bei Behörden für unseren behinderten Sohn Betroffenheit zu erzeugen. Leider erfahre ich noch oft Missachtung, aber ich entschuldige es nicht mehr. Ich kommuniziere offen, charmant und glasklar, was ich möchte, und bleibe dran. Nötigenfalls täglich per mail, per fax, per fon, per post, per Trommel. Um mein Anliegen an die richtige Stelle zu bringen würde ich auch nicht vor der Dressur einer Brieftaube zurückschrecken. Ich verschaffe mir Gehör.
  • den Missbrauch
    Normalsensible Leutchen werden jetzt mit ihren kühlen Köpfchen schütteln. Das ist völlig normal. Im Einsatz als Pflegefamilie und aus der eigenen Geschichte heraus war ich immer  geneigt, die Täter zu entschuldigen, (von wegen schlechter Kindheit und auch Opfer). Ich habe versucht zu verstehen, wie jemand dazu kommt, Kinder zu missbrauchen, oder zu vernachlässigen. Ich habe es bis heute leider nur ansatzweise geschafft. Wir kennen alle Stresssituationen, wenig Schlaf und blanke Nerven. Mir ist auch bewusst, dass  jeder Mensch zu einer Bestie werden kann, wenn der Druck nur groß genug ist.
    Trotzdem ist es unentschuldbar, lebendige Wesen zu missbrauchen und zu foltern. Der Grund spielt erstmal gar keine Rolle. Es ist falsch, furchtbar und nicht zu entschuldigen, oder gar wieder gut zu machen.
    Täter sind Täter und schuldig. Opfer sind Opfer und traumatisiert.
  • den Terror
    Zum Schluss noch ein Erlebnis  aus meinem „ ich bin an allem Schuld“- Schatz.  Am 13.11.2015 habe ich auf Empfehlung eines Herzensmenschen ein Seminar in Oldenburg über Hochsensibilität besucht. Das war das Einläuten der Wende in meinem Leben. Die Dozentin war großartig, die Truppe herrlich, die Themen tiefgründig und wissenschaftlich fundiert. Alles super. Im Laufe des Geschehens kamen wir auch auf unsere Träume und Visionen zu sprechen. Jeder erzählte begeistert und hochmotiviert über das neugewonnene Selbstvertrauen und die Zukunftspläne als Hochsensible Erfolgsmenschen.  Super , echt.

Ich hatte damals den großen Traum, mich ausbilden zu lassen, um einen Malort für Ausdrucksmalerei nach Arno Stern einzurichten. Also, mein sehnlichster Wunsch an diesem Abend war , eine Schülerin von Arno Stern in Frankreich zu werden. In einem Nebensatz erwähnte ich noch beiläufig und  scherzhaft, falls Paris bis dahin nicht abgebrannt sei.

Kaum zuhause angekommen überschlugen sich die Terrornachrichten aus – Paris! Hilfe. Was hatte ich da nur gesagt?
Nach einer durchwachten schuldbeladenen Nacht bin ich am nächsten morgen dann zurück ins Seminar.

Es ist nicht Deine Schuld!

Das allererste, was die Dozentin mir an jenem morgen sagte war:
„ Gerda, es ist nicht Deine Schuld“ .
Mit diesem Satz hat sie in mir damals einen Staudamm voller Schuld und Schamgefühle gesprengt. Ich habe stundenlang geweint. Nicht nur wegen Paris. Wegen allem, wegen diesem kranken furchtbarem Schuldkomplex der letzten Jahrzehnte. Ich weinte und weinte. Ich bin gar nicht an allem Schuld. Echt nicht.
Das war der Beginn meiner Heilung. Diese großartige Dozentin hat damals nicht nur in mir einen Prozess der Heilung in Gang gebracht, viele Teilnehmer weinten und wurden an ihre Schuldnehmeaktionen erinnert. Es war ein besonders kostbarer Moment im Seminar. Wenn nicht der Kostbarste.
Heute, falls ich wieder mal in die „ gib mir die Schuld“- Falle tappe,
komme ich meistens recht schnell wieder raus.
Wie? Indem ich einen Schritt zurück trete, mir die Sache anschaue, meinen Teil der Verantwortung finde, wahrnehme und , wenn nötig ernsthaft mitfühlend um Verzeihung bitte.

Ich bin keine kleine Sündenziege mehr, und stehe für persönliche Schuldübertragungen leider nicht mehr zur Verfügung !!

Hochsensibilität ist eine Charakterstärke

Hochsensibel bin ich immer noch und das ist sehr gut.
Vergebung ist möglich, Gnade ist kostbar und Enttäuschungen führen oft zu mehr (Selbst)-Vertrauen.
Im persönlichen Bereich habe ich genug Übungsfelder zum Trainieren.

Wie geht es Dir beim Lesen dieser Erlebnisse ?
Neigst Du auch zur Schuldübernahme und zur Überverantwortung?
Ist sorry Dein Zweitnahme?
Bist Du im Training wie ich?

Eine völlig andere Dimension menschlicher Schuld und Grausamkeit, unfassbarem Leid und unaussprechlichem Elend habe ich in 2006 zu spüren bekommen.
In Yad Vashem in Israel.

Beim Besuch der Holocaust Gedenkstätte in Israel habe ich mich als Mensch, als Frau, als Deutsche, als Christin, als Ehefrau und Mutter, als Tochter, als Schwester und im Ganzen Sein schuldig gefühlt . Jedes Atom meines Sternenstaubgewandes fühlte unsagbare Schuld und Scham über soviel Bosheit und Sünde, soviel Arroganz und Hass.

Ein erdrückendes und todesschattiges Erlebnis.
Es ist geschehen. Unveränderlich schreit das Leid, das Elend, die Not.
Und sollte es wahr sein, mit der Vergebung der Schuld eines ganzen Volkes, wenn es Reue zeigt und sich ändert,  dann wäre das der Ort, wo diese übernatürliche Vergebung gebraucht wird. Dazu ist Glaube und Demut von Nöten.

Du liebe wertvolle Seele,
heute möchte ich Dir sagen:
„Es ist nicht Deine Schuld!“

Danke für Deine kostbare Lebenszeit

Deine Gerda

PS:
Je mehr Heilung in mein Leben kommt, desto klarer darf ich fühlen. Wovor habe ich im Letzten solche Angst gehabt?

Ich glaube, ich fürchtete mich am meisten davor, dass ich nicht mehr geliebt oder gemocht werden würde…
wenn ich anfangen würde, mich zu lieben und zu mögen. 

Diese Angst hat sich als völlig unbegründet herausgestellt.
Für mich war sie jedoch real und allgegenwärtig.

 

4 Antworten auf „ABER, ABER – das ist alles meine Schuld!“

  1. Liebste Gerda- deine Kommentare sind so wunderbar und wertvoll- danke danke danke – es hat mich wieder sehr tief berührt und mich mit meinen UNBEGRÜNDETEN SCHULD- GEFÜHLEN in Kontakt gebracht. Heilung ist geschehen danke dir ❤️ zutiefst !!!

  2. Ich bin im Herzen berührt und habe mich in vielem wiedererkannt. Früher war ich auch in meiner Schuld gefangen. Heute weiß ich… ich bin frei von Schuld. Es ist ein langer Weg, das zu erkennen und du hilfst den Menschen auf so klare und liebevolle Weise, liebe Gerda. Deine Gedanken und Zeilen sind eine Offenbarung. Danke für dein Sein!

    1. Liebe Sabine, daran werden wir uns immer wieder erinnern :Wir sind freie Wesen.
      Danke für Deine liebevolle Rückmeldung. Heute war ein guter Tag. Ich spüre die Freiheit unter meinen Flügeln, wenn ich schreibe.. ,so lebendig.❣️❣️❣️

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